Von Detlef Sundermann
Echzell Festival zum Auftakt / Vier Kommunen und viele Vereine beteiligen sich
Allein der Gewittersturm, der zur zeitweiligen Räumung des Festzeltes führte und den Cocktail-Stand zerlegte, trübte etwas die Bilanz des zweiten Festivals „Gemeinsam gegen Rechtsaußen“ am Samstag in Echzell- Gettenau. Bereits am Nachmittag zeichnete sich der Erfolg des Festivals ab: Der Veranstalter, der Verein Grätsche gegen Rechtsaußen, schätzte rund 600 Besucher, die am Programm mit Sport- und Spieleparcours sowie Sponsorenlauf teilnahmen. Beim mehrstündigen Musikprogramm am Abend wurden 250 Gäste gezählt.
Das Festival, das unter der Schirmherrschaft des Echzeller Bürgermeisters Dieter Müller (SPD) stand, bildete den Auftakt für einen lokalen Aktionsplan gegen Rechtsextreme, sagte Grätsche- Sprecherin Sabrina Lauster. An dem Aktionsplan werden sich die Kommunen Echzell, Florstadt, Reichelsheim und Wölfersheim beteiligen. Aus dem Bundesprogramm „Toleranz fördern – Kompetenz stärken“ gibt es für das drei Jahre dauernde Projekt eine Förderung in Gesamthöhe von 260 000 Euro. Im Herbst will der Verein ein Koordinierungsbüro eröffnen. Außerdem soll ein Begleitausschuss mit Vertretern der vier Kommunen sowie deren Vereinen und Organisation gegründet werden.
Auch Ältere sensibilisieren
Der Hintergrund: Das Dorf Gettenau war wegen eines dort ansässigen Neonazis in die Schlagzeilen geraten. Der „Schlitzer“, ein Pseudonym, das sich der Mann selbst verpasste, lebt in einer Hofreite, in der Neonazis aus der Region ein- und ausgehen sollen. Die Nachbarn in der Wiesenstraße werden von den Rechten in Angst und Schrecken versetzt, Autos und andere Dinge werden demoliert. Fast jedes Haus in der engen Straße hat eine Videoüberwachung. Darauf wird auch mit großen Schildern hingewiesen.
Seit einem Monat sei es im „Old Brother Castle“, so nennt der „Schlitzer“ sein Zuhause, etwas friedlicher geworden, erzählte eine Nachbarin. Denn der Mann sitzt zurzeit wegen mutmaßlichen Drogenhandels in Untersuchungshaft. Doch Rechtsextremismus und deren Ausbreitung sei nicht allein ein Gettenauer Problem, sagte Grätsche-Sprecherin Lauster. Und ergänzt: „Mit dem Aktionsplan soll nicht allein gewarnt, sondern auch versucht werden, junge Leute nicht in die rechte Szene hineinrutschen zu lassen.“
Schon früh hat der Verein deshalb mit dem „Beratungsnetzwerk zur mobilen Intervention gegen Rechtsextremismus“ und der Sportjugend Hessen Kontakt aufgenommen. Beide Organisationen waren bei dem Festival auch mit einem Informationsstand vertreten.
Lauster betonte, dass es bei dem Aktionsplan aber nicht nur um Minderjährige gehe. Es sollen auch die Erwachsenen sensibilisiert werden. Anfangs habe es in Gettenau über den „Schlitzer“ immer geheißen: „Der ist doch harmlos.“ Das Meinungsbild habe sich mittlerweile aber geändert. Das zeigte sich auch bei dem Festival. Im Gegensatz zu dessen erster Auflage vor einem Jahr zählten nun viele ältere Leute zu den Besuchern.
Bunter und friedlicher Protest gegen Rechts in Gettenau. Mangels Freizeitangeboten sähen die Rechten in ländlichen Regionen besonders gute Chancen, Jugendliche, etwa mit Hausaufgabenhilfe, Grillhüttenpartys oder einfach einem gespendeten Kasten Bier, zu ködern, berichtete Angelika Ribler, Projektleiterin der Sportjugend Hessen und in dieser Funktion Reisende in Sachen Rechtsextremismus und Vereine.
„Es müssen Alternativen geboten werden, beispielsweise Sport als Erlebniswelt. Jugendliche, die bereits mit der rechten Szene in Berührung gekommen sind, dürfen nicht abgelehnt werden“, so Ribler. Vielen Minderjährigen sei nicht immer klar, mit wem sie sich einließen.
Pedro Valdivielso vom Beratungsnetzwerk berichtet nach drei Jahren des Aktionsplans für den Vogelsbergkreis von Erfolgen. „Es ist mehr Ruhe eingekehrt“, sagt er. Auch funktioniere die Vernetzung, etwa zwischen Vereinen und Ämtern wie der Jugendpflege gut. Nun müsse an der Nachhaltigkeit gearbeitet werden. Ein Fundament hierzu seien Vereine und Organisationen.
Dieselbe Strategie soll auch dem Echzeller Aktionsplan zugrunde gelegt werden.
© Frankfurter Rundschau 2010
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