Archiv der Kategorie: Presseberichte


Wetterauer Zeitung – »Grätsche« mit Präsentation auf Buchmesse zufrieden

Der Verein Grätsche gegen Rechtsaußen war mit einem Stand auf der Buchmesse vertreten – und dem Erfolg überaus zufrieden, wie Vorsitzender Manfred Linss in einer Pressemitteilung schreibt

 In Kooperation mit der Initiative »Respekt! – Kein Platz für Rassismus« und der IG Metall hatte die Grätsche ihre Arbeit in Frankfurt vorgestellt. Insbesondere die Veranstaltung »Vereint Zeichen setzen«, bei der im Juni rund 1000 Menschen in Nieder-Florstadt ein buntes Zeichen gegen braunes Gedankengut gesetzt hatten, wurde den Messebesuchern vorgestellt. »Sich für ein demokratisches Miteinander, Toleranz und respektvollen Umgang einzusetzen, lohnt sich«, war die damit verbundene Botschaft.

Der Messeauftritt wurde von Michael Strecker begleitet, der sein Buch »Der Aufstieg des Nationalsozialismus aus der Sicht zweier oberhessischer Dörfer« vorstellte. Auch der Lokale Aktionsplan »BuntErLeben« sowie das Beratungsnetzwerk Hessen beteiligten sich. Großes Interesse zeigten die Besucher an dem Buch und dem Film »Blut muss fließen – Undercover unter Nazis« von Peter Ohlendorf. Passend dazu bot die Antifaschistische Bildungsinitiative Workshops an.

Ganz besonders freute sich die Grätsche, so Linss, über den Besuch des künftigen Echzeller Bürgermeisters Wilfried Mogk mit seiner Familie am Messestand der Grätsche. Mogk betonte, er wolle zukünftig das Engagement der Grätsche aktiv unterstützen.

»Es hat sich gelohnt, auf der Buchmesse präsent gewesen zu sein«, fällt Linss’ Fazit aus. »Die Besucher waren sehr interessiert an unserer Arbeit und haben auch mit Anerkennung für dieses Engagement nicht gespart.« Er dankte allen, die die Grätsche am Stand unterstützt hatten, besonders »Respekt«-Initiator Lothar Rudolf, der den Messeauftritt erst möglich gemacht habe.

 

© Wetterauer Zeitung  22.10.2013

 

Respekt!-TV – 48qm »Respekt!« auf der Frankfurter Buchmesse

Die »Respekt!« Initiative wird vom 09. bis 13. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse, der weltweit größten Fachmesse für Bücher und Medien, vertreten sein. Auf einer 48qm großen Ausstellungsfläche präsentieren wir unsere multimedialen Produkte und informieren über Themen wie Rassismus und Diskriminierung auf der einen Seite, sowie Solidarität, Toleranz und Courage auf der anderen Seite.

Programmatisch ergänzt die »Respekt!« Initiative die etwa 7.300 Aussteller in diesem Jahr perfekt, denn es geht wie immer auch um kulturellen, nationalen und internationalen Austausch. Vor Ort werden wir unterstützt von unserem Premiumpartner, der IG Metall, diversen Netzwerk- und Kooperationspartnern, insbesondere der »Grätsche gegen Rechtsaußen e.V.« und prominenten »Respekt!« Botschaftern, die Autogramme verteilen und den Besuchern Rede und Antwort stehen werden.

In der Halle 3.1 am Stand A20 wird die »Respekt!« Initiative ihre Kommunikationsprodukte präsentieren und verschiedene Mitmachaktionen anbieten. Initiator Lothar Rudolf sagte vorab: »Das »Respekt!« Team wird während der gesamten Messe mit Fotoapparat, Videokamera und guter Laune bewaffnet sein. Die Besucher erwartet ein interessantes und vielfältiges Programm – für jung und alt.« Highlights werden beispielsweise der neu aufgelegte Bildband »Respekt! 100 Menschen – 100 Geschichten«, das Kinderbuch »Was ist eigentlich Rassismus?« und das »Schwarzbuch Rassismus« sein. Am Sonntag, den 13. Oktober erwartet die Besucher ein zusätzliches Programm in der Halle 4.2 an der Bühne B2: ein unterhaltsamer Mix aus Lesungen, Interviews, Musik und Multimedia mit vielen prominenten Gästen und Autoren, wie z.B. Sandra Minnert (»Respekt!« Schirmfrau und Fußballweltmeisterin) oder Thomas Wark (ZDF Sportjournalist).

Im Folgenden das Sonntagsprogramm im Detail:

12:15 Uhr | Vorstellung des Kinderbuches »Was ist eigentlich Rassismus?« | Gast: Sandra Minnert (»Respekt!« Schirmfrau und Fußballweltmeisterin)
13:30 Uhr | Präsentation der Neuauflage »Respekt! 100 Menschen – 100 Geschichten« mit Bertin Eichler (»Respekt!« Schirmherr sowie geschäftsführendes Vorstandsmitglied und Hauptkassierer der IG Metall), Thomas Wark (ZDF Journalist) u.v.m.
15:00 Uhr | Buchbesprechung »Intelligenz hat keine Hautfarbe – Schwarzbuch Rassismus« mit Ulrike Obermayr (Leiterin Gewerkschaftliche Bildungsarbeit beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt), Prof. Dr. Benjamin Ortmeyer (für NS-Pädagogik an der Goethe Universität in Frankfurt am Main), Jürgen Roth (Schriftsteller und Autor des Schwarzbuch Rassismus) u.v.m.
16:00 Uhr | Simon Schnetzer (Gründer des Projekts »Junge Deutsche«, Social Entrepreneur und Geschäftsführer von DATAJOCKEY) im Gespräch über Ergebnisse der Open-Science-Studie »Toleranz Online 2013«
16:15 Uhr | Poetry Slam mit Tilman Döring und Musik von den Azzis mit Herz
Moderation Patrick Dewayne und Thomas Wark

Wir freuen uns auf zahlreiche Besucher und Pressevertreter an unserem »Respekt!« Stand.

 

© RESPEKT!-TV   08.10.2013

Wetterauer Zeitung – Für den »Schlitzer« Waffen versteckt

Ein 24-Jähriger ist am Amtsgericht Friedberg zu einer Haftstrafe von einem Jahr, ausgesetzt zur Bewährung, verurteilt worden. Der gelernte Metallbauer hatte für den »Schlitzer« von Gettenau, der bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hatte, Schusswaffen versteckt.
 Es war der Wendepunkt im Verfahren gegen Patrick W. Dass der »Schlitzer« ein Waffennarr war, dass er unter anderem eine Maschinenpistole, einen Revolver, einen Schießkugelschreiber und diverse Munition dafür besessen haben soll, das vermutete die Polizei schon lange – aufgrund von Zeugenaussagen, eines Handyvideos und nicht zuletzt wegen des »Schusszimmers« in W.s Hofreite in Gettenau. Nur: Die diesbezüglichen Ermittlungen gegen ihn waren seit April 2010 erfolglos geblieben. Nun stand der »Schlitzer« vor dem Landgericht Gießen, und noch immer waren die scharfen Waffen nicht aufgetaucht. Die Gewehre und Pistolen, die man bei ihm gefunden hatte, waren lediglich Schreckschusswaffen und unbrauchbar gemachte Gewehre, die W. zur Dekoration an die Wand gehängt hatte.

»Kein politischer Mitläufer«

Dann, im Oktober 2012, tauchte plötzlich eine Tasche auf – prall gefüllt mit Schusswaffen, Waffenteilen und passender Munition, exakt 377 Patronen. Ein 24-jähriger Freund von W. hatte die Polizei ins Haus seiner Mutter geführt, wo er die Waffen für den Neonazi versteckt hatte. Er hatte sich ihrer an dem Tag angenommen, als W. mit mehreren Kilo Drogen ertappt und festgenommen worden war. Wegen dieses vermeintlichen Freundschaftsdienstes – der sich strafrechtlich Verstoß gegen das Waffen- und das Kriegswaffenkontrollgesetz sowie Strafvereitelung und Begünstigung nennt – musste sich der gelernte Metallbauer gestern vor dem Amtsgericht Friedberg verantworten. Hauptsächlich, weil für ihn die Kronzeugenregelung angewendet wurde, da er bei der Aufklärung einer schwerwiegenden Straftat geholfen hat, kam der 24-Jährige mit einer Freiheitsstrafe von einem Jahr, die zur Bewährung ausgesetzt wurde, davon.

»Dass ich ein politischer Mitläufer der Bande war, kann man nicht behaupten«, betonte der geständige Angeklagte. Er habe W. noch aus Schulzeiten gekannt, lange bevor er in die Schlagzeilen wegen seiner rechtsradikalen Gesinnung gekommen sei. Mit W.s bestem Freund sei er häufiger am Wochenende unterwegs gewesen, man habe gegrillt, auch W. sei öfter dabei gewesen, und ja, er habe auch zwei Feiern von W. besucht, aber keine der berüchtigten »Gaskammerparties«.

Wenige Stunden, nachdem W. im Juli 2011 verhaftet worden war, habe dessen bester Freund ihn bei sich zu Hause in Ranstadt abgeholt und gebeten, mit ihm zu seiner Wohnung nach Florstadt zu fahren. Dort war ein Fliegerkoffer, der W. gehörte, in einer Dachluke versteckt. Er wisse nicht, was drin sei, habe W.s »rechte Hand« behauptet. Der Angeklagte habe sich, wie er gestern vor Gericht sagte, dazu hinreißen lassen, den Koffer zu öffnen. »Ich wollte ihn nicht transportieren, ohne zu wissen, was drin ist.« Als er seine Neugier befriedigt hatte, habe er Panik bekommen, weil er die Waffen, die in dem Koffer lagen, nicht nur angeschaut, sondern auch angefasst hatte. »Jetzt waren meine Fingerabdrücke drauf.«

Der gemeinsame Freund habe darauf gedrungen, die Waffen loszuwerden. Er selber habe dann vorgeschlagen, sie zu vergraben – im Garten seiner Oma in Dorheim. »Das war eine blöde Idee.« Als später auch das Haus des Freundes in Florstadt durchsucht wurde, habe er Angst bekommen, dass er verraten werden könnte, woraufhin er die Waffen im April 2012 ausbuddelte und in seinem Elternhaus auf dem Dachboden versteckte. Der Freund verpfiff ihn tatsächlich, bloß wurde die Polizei in Omas Garten nicht mehr fündig. Am Ende kooperierte der Angeklagte mit der Polizei, führte sie zu dem neuen Versteck und sagte am Landgericht Gießen umfassend gegen den »Schlitzer« aus. Gegen dessen besten Freund soll demnächst vor dem Amtsgericht Büdingen verhandelt werden.

Ein Revolver war sogar geladen 

Wenn er die Waffen habe loswerden wollen, wieso habe er sie dann nicht, wie man es aus Filmen kenne, irgendwo im Wasser versenkt, wollte Richterin Dr. Gerlinde Kimpel wissen. Auch Staatsanwältin Yvonne Vockert äußerte Zweifel: Wenn er gehofft habe, dass die Waffen nach 20 Jahren in der Erde unbrauchbar seien, wieso habe er sie von dem Koffer in eine Plastikwanne umgeladen und das Loch im Garten mit einer Plastikplane ausgelegt? Doch wohl eher, um die Waffen zu schützen.

Gänzlich unerfahren im Umgang mit Waffen ist der Angeklagte nicht, einen Waffenschein besitzt er indes nicht. Zweimal wurde er wegen unerlaubten Waffenbesitzes jeweils zu einer Geldstrafe verurteilt, beide Male sei es um eine Schreckschusspistole gegangen, sagte er. »Sie wussten, dass die Waffen in dem Koffer keine Spielzeugrevolver waren und erhebliche Strafen auf Sie zukommen. Das war ein Verbrechen wie Raub, keine Bagatellkriminalität«, betonte die Richterin. Es sei nicht auszudenken, wenn die funktionsfähigen Waffen in falsche Hände gelangt wären. Zumal, wie die Staatsanwältin ergänzte, die passende Munition dabei war; ein Revolver war sogar geladen.

Kein Kontakt mehr zu W.

Der »Schlitzer« selbst habe von den Waffen später nichts mehr wissen wollen, sagte der Angeklagte. Als der Gettenauer zwischenzeitlich aus dem Gefängnis entlassen worden war, habe er ihn darauf angesprochen. Der habe abgewunken, wohl aus Angst, von der Polizei abgehört zu werden. Zu W. habe er heute keinen Kontakt mehr, überhaupt habe er sich von der Gruppe abgekapselt, sagte der Angeklagte. Sein Verteidiger, Rolf Kärcher, betonte, das Verfahren habe einen starken Eindruck auf seinen Mandanten gemacht. »Ich bin absolut sicher, dass er sich endgültig davon distanziert hat.« – »Ich habe daraus gelernt, es wird nicht wieder vorkommen«, versprach der 24-Jährige.

Sowohl Richterin als auch Staatsanwältin redeten dem 24-Jährigen ins Gewissen, Waffen besser nie wieder in die Hand zu nehmen. »Kein Mensch braucht Waffen. Wir alle haben keine und vermissen sie auch nicht«, sagte Vockert. Das Strafmaß, welches das Schöffengericht letztlich festsetzte, hatten Staatsanwalt und Verteidiger übereinstimmend beantragt. »Sie waren durch die Situation überfahren, hatten anfangs sicher keinen großen Plan. Sie haben so gehandelt, um einem Freund aus der Klemme zu helfen. Doch das war eine ganz falsche Entscheidung. Hätten Sie gleich Nein gesagt, wäre Ihnen das alles erspart geblieben«, sagte Richterin Kimpel. »Sie sind mit einem blauen Auge davongekommen«, dafür ist der 24-Jährige jetzt aber vorbestraft.

 

© Wetterauer Zeitung  08.05.2013

 

Mittelhessen Bote – Grätsche-Mitglieder kaufen „Schlitzer“-Hof

Die ehemalige Hofreite von Patrick W., dem Neo-Nazi aus Echzell, der im Dezember letzten Jahres zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde, befindet sich jetzt offiziell im Besitz von Mitgliedern der  Grätsche gegen Rechtsaussen.

Mit der Abnahme des „Old Brothers“ – Schildes am Hoftor des Anwesens durch die neuen Eigentümer wurde auch symbolisch ein Schlussstrich unter die fast vier Jahre andauernden Belastungen für die Anwohner gezogen. Patrick W., der nun wegen Drogenhandel, Waffenbesitz und Volksverhetzung füt mehrere Jahre hinter Gittern sitzt, hatte dort gelebt. Immer wieder hatte es Ärger mit dn Bewohnern der Straße gegeben, wenn W. mit Gleichgesinnten ausschweifende Partys feierte, bei denen lauthals Nazi-Parolen gegrölt wurden.

„Es ist wieder ruhig in der Wiesengasse. Fast so wie früher“, resümiert Manfred Linss, 1. Vorsitzender der Grätsche gegen Rechtsaussen. Aber nur fast. Die jetzigen Eigentümer entschlossen sich zum Kauf des Anwesens eben auch, weil die Angst, es könne wieder ein „Rechter“ dort einziehen, permanent in ihren Köpfen sitzt.

„Wer das, was wir hier erlebt haben, selbst erfahren hat, kann das nachvollziehen.“, so der neue Eigentümer. Jeder Krach von der Straße, Reifenquietschen oder ähnliche Geräusche lassen auch heute noch die Erinnerungen wieder hochkommen.

Die Gründung der Grätsche gegen Rechtsaussen war der entscheidende Schritt, der den Menschen in der Wiesengasse zu diesem Erfolg zu verhalf. „Alleine ist man machtlos. Wir können nur jedem raten, der in eine solche Situation gerät, sich Mitstreiter zu suchen und selbst aktiv zu werden. Unterstützung der Behörden hatten wir anfänglich so gut wie keine“ erinnert sich Manfred Linss. Erst der Druck der Öffentlichkeit durch die Arbeit der Grätsche gegen Rechtsaussen führte bei so manchem Behördenleiter zum Umdenken. Heute stellen sich einige der damaligen Akteure im Lichte des hilfsbereiten Beamten in der Öffentlichkeit dar. Darüber können die Betroffenen heute – wieder – lachen.

Alles in allem war die Arbeit des Vereins sehr erfolgreich und richtungsweisend.

Mit der Verurteilung von Patrick W. ist aber die Arbeit der Grätsche gegen Rechtsaussen noch lange nicht getan. Aktuell arbeitet der Verein in Kooperation mit fünf weiteren Vereinen aus der Region eng zusammen, um im Juni 2013 ein großes Event gegen Rassismus und Intoleranz unter dem Motto „Vereint-Zeichen-Setzen“ auf die Beine zu stellen. Weitere Informationen hierzu folgen in Kürze

© MittelhessenBote  06.02.2013

 

Frankfurter Rundschau – Nur einer weniger

Warum ist die Einnahme des Old Brothers Castle in Echzell durch die Nachbarn für die Antifa-BI kein Grund zum Feiern? Es ist ein Teilerfolg. Es ist ein Grund, sich zu freuen, dass die Neonazis ein Zentrum weniger haben und dass eine neue Anlaufstelle gegen diese entsteht. Wir müssen aber auch feststellen, dass sich das Problem mit Neonazis in der Wetterau deutlich verschärft hat. Mit dem „Schlitzer“ ist nur eine Einzelperson weggefallen. Seine restliche Gruppe ist zum Großteil weiterhin im rechtsextremen Weltbild verfangen. Es gibt jetzt eine Person weniger, eine Struktur weniger, aber das politische Umfeld ist noch vorhanden.

Wie haben sich die Old Brothers entwickelt, seit der „Schlitzer“ hinter Schloss und Riegel sitzt?Ich sehe da eine Kontinuität. Als Gruppe sind sie abgetaucht. Aber wir entdecken Old Brothers als Neonazis bei Fußballspielen in Frankfurt, wir entdecken Old Brothers im Umfeld der NPD, wir entdecken führende Personen der Old Brothers, die Unterschriften für Pro Deutschland sammeln möchten. Wir entdecken also, dass ein Großteil der Gruppe weiter in der rechten Szene aktiv ist.

Wie wurde der „Schlitzer“ außer Gefecht gesetzt?Den Erfolg würde ich vor allem den Nachbarn zuschreiben. Die haben sich durch uns begleitet klar positioniert, auch gegen massive Widerstände staatlicher Stellen. Es war ansonsten Teamwork: Es war der Erfolg der „Grätsche“, der Antifa-BI, der Menschen vor Ort, die sich aktiv dagegengestellt haben, der Polizei, des Ordnungsamts – also von vielen verschiedenen Akteuren. Wir haben alleine Hunderte Stunden Arbeit reingesteckt – von dem Kontakt zur ersten Nachbarin bis hin zur Prozessdokumentation vor Gericht.

Welchen Anteil hat die Polizei?Am Anfang hat sich die Polizei sehr unglücklich verhalten. Das Problem wurde nicht ernst genommen und verharmlost. Wir wurden alleine gelassen von der Polizei, den staatlichen Stellen, aber auch von der Politik. Man muss aber auch sehen, dass nur die Polizei den „Schlitzer“ stoppen konnte. Ohne dessen Straftaten, ohne dass er durch die Polizei dieser Straftaten überführt wurde, gäbe es wohl weiterhin Gaskammerpartys in der Wiesengasse und er wäre weiter aktiv, denn der Zustrom an jungen Menschen zu den Old Brothers war zwar verdeckter, aber nicht abgerissen.

Die Antifa-BI spricht davon, dass das „Problem mit den Neonazis aktuell auch in Echzell eher größer“ wird. Woran machen Sie das fest? Es hat in den letzten Jahren einen Zuzug von Personen aus der rechten Szene nach Echzell gegeben. Wir haben in der Region eine Basis von jüngeren Neonazis, die aktiv ist und eine eigene rechte Jugendkultur darstellt.

Sind das von den Old Brothers unabhängige Strukturen ?Das ist eine Vermischung. Die Neonazistruktur im Wetteraukreis ist eine komplexe Mixtur aus rechtsextremen Parteien und Subkulturen. Sie ist in Echzell aber primär geprägt durch die Old Brothers.

Die Anifa-BI will einen „nachhaltigen Ansatz gegen menschenverachtende Einstellungen in der Wetterau“. Wie soll der aussehen?Wir brauchen mehr politische Bildung für junge Menschen. Wir müssen stärker an Schulen auftreten, dort Zeichen setzen, dort eine inhaltliche Positionierung gegen Neonazis vornehmen. Die Zivilgesellschaft – Vereine, Parteien – muss sich klar und ernsthaft von Neonazis distanzieren. Wir müssen auch darüber diskutieren, dass Neonazis bei Vereinsfeiern gern gesehene Gäste sind. Auch darüber, warum sie in bestimmte Diskotheken gehen können. Wir brauchen eine offene und fortschrittliche Jugendarbeit. So lange für Jugendliche das Feiern mit Neonazis attraktiver ist als die staatlichen oder alternativen Angebote, so lange haben wir ein ernstes Problem. Wir plädieren für eine freie und selbstverwaltete Jugendarbeit, wie sie früher im Jugendzentrum in Bad Nauheim betrieben wurde. Wenn junge Menschen ihre Projekte selbstständig planen und ihre Freizeit selbst gestalten, ist das das beste Mittel, um sie gegen Neonazis zu immunisieren. Dann haben sie das Selbstbewusstsein, das sie für Neonazis unerreichbar macht.

Sie kündigen in einer Pressemitteilung einen „wichtigen Baustein im Kampf gegen Neonazis“ an. Wie sieht der denn aus?Wir werden in den nächsten Tagen gemeinsam mit einem Partner einen neuen Bildungsbaustein für jüngere Menschen im Wetteraukreis vorstellen. Wir werden in naher Zukunft an Schulen deutlich präsenter sein. Details kann ich noch nicht verraten.

 

© Frankfurter Rundschau  05.02.2013

 

Wetterauer Zeitung – Relikte des Grauens im »Old-Brother’s-Castle«

Das Kapitel »Schlitzer« dürfte für die Bewohner der Gettenauer Wiesengasse endgültig der Vergangenheit angehören. Martina und Werner Schubert haben die Hofreite von Patrick W. gekauft und an eine weitere Nachbarin vermietet.

Alle drei sind Mitglieder der Grätsche gegen Rechtsaußen. Auch der Verein selbst soll in der ehemaligen Nazi-Hochburg Raum bekommen. Noch sind die Schuberts fleißig am renovieren – dabei entdecken sie auch jede Menge rechtsradikale Überbleibsel.

Auf dem Tresen liegen die Duschköpfe, aus denen einst der Nebel strömte. Auch die dazugehörigen Halterungen sind noch an der Decke montiert, eine passende Gasflasche steht in der Ecke – und in der Mitte des heruntergekommenen Raums ragt eine Pole-Dance-Stange hervor: willkommen im »Old-Brother’s-Castle«, das Gruselkabinett des Patrick W. In der ehemaligen Stallung hat der 27-jährige Gettenauer jene perfiden Gaskammerpartys gefeiert, die nicht nur in der Wiesengasse für Empörung sorgten.

Doch die Zeiten sind vorbei, seit März 2012 sitzt der selbsternannte »Schlitzer« wegen zweier Körperverletzungen im Gefängnis. Im Dezember 2012 wurde er zudem unter anderem wegen Drogenhandel, Körperverletzung und Volksverhetzung zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und drei Monaten verurteilt. Jetzt haben seine einstigen Nachbarn die Wiesengasse endgültig zurückerobert: Das Ehepaar Schubert hat die Hofreite gekauft und an eine weitere Nachbarin vermietet. Zudem soll der Verein Grätsche gegen Rechtsaußen Räume erhalten.

»Mitglieder der Grätsche haben das Haus gekauft, Mitglieder der Grätsche mieten es, und der Verein Grätsche erhält ebenfalls ein Raum. Das nenne ich einen Erfolg«, freut sich Martina Schubert, zusammen mit Ehemann Werner neue Besitzerin der Hofreite.

Schon zum ersten Zwangsversteigerungstermin waren die Schuberts gekommen. »Da war uns aber noch nicht klar, ob wir die Hofreite kaufen wollten«, sagt Martina Schubert. Als sie sich dann dafür entschieden, wollten sie nicht bis zum zweiten Zwangsversteigerungstermin warten. »Der Preis ist ja runtergegangen, das hätte sich jeder leisten können«, erzählt Werner Schubert. Es sei ein beklemmendes Gefühl gewesen, nicht zu wissen, wer als nächstes einzieht. »Noch einen Rechten hätten wir nicht ausgehalten«, sagt er. »Also haben wir selber zugeschlagen.« Deutlich mehr als die beim zweiten Zwangsversteigerungstermin aufgerufenen 130 000 Euro habe das Paar bezahlt, sagt Schubert.

Das Zusammenkommen des Geschäfts wirkt skurril: Werner Schubert hat Patrick W. im Gießener Landgericht angesprochen – genauer gesagt bei einem Toilettengang. Doch Schubert war nicht als Besucher bei der Verhandlung von Patrick W.: Er war Zeuge. Werner Schubert ist jener Mann, der im Mai 2010 auf eine Leiter stieg, um an der Fassade des »Old-Brother’s-Castle« eine Kamera wegzudrehen. Partygäste von W. bemerkten die Aktion und zerrten ihn von der Leiter. Ohne Hose flüchtete Schubert. Der Vorfall beschäftigte auch das Gericht, da W. die Szene filmte und ins Internet stellte.

»Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe«, sagt Schubert. Die Verhandlung mit W., beziehungsweise später mit dessen Vater, sei rein geschäftlich gewesen – und sehr harmonisch, wie Martina Schubert betont: »Wir hätten das auch nicht für möglich gehalten.« Der Kauf wurde Ende Dezember abgewickelt, seit gut einem Monat wird renoviert. Von dem ehemaligen Schießzimmer ist nichts mehr zu sehen: Vor der Renovierung klafften etliche Einschusslöcher in der Wand des kleinen Nebenraums, inzwischen erinnert nichts mehr an die Schießübungen der Old Brothers. Doch gänzlich sind die Relikte der Wetterauer Nazi-Hochburg nicht verschwunden. In einer Ecke des einstigen Partyraums stapeln sich CDs mit Titeln wie »heil -froh«, »Sturm 18« oder »Hier kommt der Schrecken aller linken Spießer und Pauker«, eine NPD-Schulhof-CD. Neben frauenverachtenden Sprüchen an den Wänden finden sich vor allem im ehemaligen Tattoo-Studio etliche Nazi-Reliquien. Skizzen von Hakenkreuzen, Naziflaggen und Poster zeugen vom Gedankengut des ehemaligen Besitzers.

Neue Mieter frühere Opfers W.s

Das Haupthaus hingegen ist fertig renoviert, die neuen Mieter sind schon eingezogen. Auch sie wissen von Patrick W. ein Lied zu singen: Nachdem sich der Nachbar im Oktober 2009 über eine laute Feier beschwert hatte, wurde er übel zusammengeschlagen. W. wurde dafür später zu einer siebenmonatigen Freiheitsstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt.

Manfred Linss, Vorsitzender der Grätsche gegen Rechtsaußen, ist froh, dass diese Zeiten nun vorbei sind: Auch wenn die »Relikte des Grauens« noch entfernt werden müssten, sei er stolz auf das, was hier geleistet worden sei. »Das sind alles Menschen, die sich von Anfang an engagiert haben«, sagt er beim Rundgang über das Gelände. Ein Blick über den Hof verrät, dass hier viel gearbeitet wird: Überall stehen Bauschutt, morsche Bretter und Werkzeug herum. Das deutlichste Zeichen, dass sich der Wind in der Wiesengasse gedreht hat, ist das große Schild der Old-Brothers. Früher prangte es hoch oben am Eingang des Anwesens, jetzt steht es neben dem anderen Müll zum Wegwerfen bereit. Nicht das einzige Symbol, das Linss ausgemacht hat. »Früher war das hier der Dreh- und Angelpunkt des Bösen. Dass die Hofreite jetzt von engagierten Nachbarn übernommen worden ist, hat ganz klar eine Symbolwirkung.«

»Weiterhin gegen Rechts kämpfen«

Weniger erfreut ist der Geschäftsführer der Grätsche über das Verhalten der Gemeinde. »Als klar wurde, dass die Hofreite versteigert wird, haben wir jede Menge Vorschläge gemacht, was mit den Räumen passieren könne. Uns war vor allem wichtig, dass nicht wieder Rechte hier einziehen.« Der Grätsche sei vorgeschwebt, einen Jugendclub oder aber den Förderverein der Schule dort anzusiedeln. Doch laut Linss habe die Gemeinde nicht reagiert. »Uns ist klar, dass die Gemeinde in Zeiten leerer Kassen nicht das Gebäude hätte kaufen können. Aber man muss sich doch zumindest mit der Sache beschäftigen«, ärgert sich Linss. Aber nur kurz, denn um so erfreulicher sei es, dass die Zivilgesellschaft sich der Sache angenommen und das Gebäude gekauft habe. »Das ist einmalig.«

Für Werner Schubert ist der Kauf der Hofreite gleichzeitig ein Punkt, mit der Vergangenheit abzuschließen. Der neue Besitzer des ehemaligen »Old-Brother’s-Castle« scheint keinen Groll gegen Patrick W. zu hegen: »Der Mann hat seine gerechte Strafe bekommen. Damit sollte es aber auch gut sein, die Sache gehört vergessen.« Doch auch wenn der »Schlitzer« aus der Wiesengasse verschwunden ist, für die Schuberts steht fest: »Wir werden weiterhin gegen Rechtsradikale kämpfen.

 

© Wetterauer Zeitung  02.02.2013

 

Wetterauer Zeitung – Nachbar kauft Hofreite von Patrick W.

Die Hofreite des »Schlitzers« hat einen neuen Besitzer: Ein Nachbar hat das Anwesen kurz vor Weihnachten verkauft, jetzt soll das Anwesen an einen anderen Nachbarn vermietet werden.

Außerdem soll der Verein Grätsche gegen Rechtsaußen ein Büro in dem Haus in der Wiesengasse beziehen. Derzeit werden die Räume saniert. Das Gebäude sollte
zwischenzeitlich zwangsversteigert werden, es fand sich jedoch kein Käufer.
Um die Hofreite hat es immer wieder Ärger gegeben. Vorbesitzer ist Patrick W., der derzeit unter anderem wegen Drogenhandel, Waffenbesitz und Volksverhetzung eine mehrjährige Haftstrafe absitzen muss. Jahrelang lag der Neonazi mit den Nachbarn im
Streit. Die Hofreite war auch als das Old-Brothers-Castle bekannt geworden, wo sich W. mit seinen gleichgesinnten Freunden traf und Partys feierte.

 © Wetterauer Zeitung  01.02.2013

 

Frankfurter Rundschau – In der Nazi-Burg

Die Nachbarn des Schlitzers in Echzell haben die verlassene Hofreite des Neonazis gekauft. Der Rechtsextremist Patrick W. war Ende 2012 zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Jetzt räumen sie dort auf und stoßen dabei auf ein Panoptikum rechtsextremen Unflats.

Der Putz bröckelt von Wänden und Decke, der alte Holzofen ist verbeult, der Spielautomat defekt, die Tabledance-Stange mit Bauschaum beschmiert. Die Polizei hat ihr Übriges getan auf der Suche nach Waffen und Drogen. Die Holzbänke sind demoliert, die schwarzen Bezüge zerschlissen. Auf der Box neben der Sitzgruppe liegen ein paar CDs. Rockabilly, Rechtsrock, die NPD-Schulhof-CD, Untertitel: „Hier kommt der Schrecken aller linken Spießer und Pauker“.

Es ist muffig, ungemütlich, verdreckt. Der ganze Boden ist mit Vogelexkrementen besprenkelt. „Die Tür war kaputt und stand offen“, erklärt Werner Schubert den Schmutz. Eine Schwalbenfamilie habe bis zum Herbst in dem ehemaligen Stall gehaust. Erschöpft und seufzend schaut er sich um, Martina Schubert tritt ein. „Wir haben sofort eine neue Tür eingebaut.“

Kunstnebel aus Duschköpfen

An der alten hing einst ein Schild mit der Aufschrift „Brausebad“, dahinter tobten wüste Partys, besonders in den Jahren 2009 und 2010. Kahlrasierte, tätowierte Burschen grölten, berauschte Mädels tanzten im Kunstnebel, der aus Duschköpfen an der Decke waberte. Sogar Live-Sex-Shows soll es in dem bizarren Ambiente gegeben haben, das nicht zufällig an die Gaskammern der Nationalsozialisten erinnerte.
Die Hofreite des Schlitzers

Der wohl berüchtigtste Partyraum der Wetterau gehört nun den Schuberts. So wie der Rest der Hofreite in der Wiesengasse in Echzell-Gettenau. Bis vor kurzem war das Anwesen die Bastion des „Schlitzers“, sein „Old Brother’s Castle“. Doch Patrick W., Neonazi, Tätowierer und Kopf der braunen Truppe „Old Brothers“, sitzt im Knast. Wegen Drogen, Waffen und Volksverhetzung. Das Landgericht Gießen hat den heute 27-Jährigen Anfang Dezember 2012 für 44 Einzeldelikte zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von sechs Jahren und drei Monaten verurteilt. Auch seine „Gaskammer-Partys“ waren Gegenstand in dem 15 Verhandlungstage dauernden Prozess. Und die Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn.

Mit Werner Schubert zum Beispiel, der wie wenige sonst die Eskapaden des „Schlitzers“ erdulden musste, nachdem dieser 2008 mit Gattin in die Wiesengasse gezogen war. Jetzt haben die Schuberts das Haus direkt gegenüber, das Haus, von dem alles ausging, gekauft.

Schon vor seinem Prozess, der Mitte August 2012 begann, wurde bekannt, dass Patrick W. hoch verschuldet war, die Hofreite sollte zwangsversteigert werden. Auch Werner Schubert erschien zum Termin am 15. Oktober im Amtsgericht Büdingen. „Ich wollte einfach nur wissen, wer da so alles kommt. Es hätten ja unsere künftigen Nachbarn sein können.“ Doch niemand der wenigen Anwesenden wollte die um 1900 erbaute Hofreite für den geschätzten Wert von 163.000 Euro haben. Der Mindestpreis wurde auf 130.000 Euro herabgesetzt und ein neuer Versteigerungstermin anberaumt, im Februar 2013.

Erleichterung statt Triumph

Endlich soll es runter, das Schild. „Old Brother’s Castle“ prangt in weißer Fraktur auf schwarzem Grund. Werner Schubert lehnt die Leiter an das Hoftor und klettert hoch. Der Akkuschrauber röhrt, Schubert rüttelt, friemelt, schwankt kurz. Dann hält er das schwarze Schild in den Händen und reicht es hinab zu seiner Frau. Vier Nachbarn und Freunde recken auf dem Gehsteig die Köpfe nach oben. Schubert lächelt, nicht triumphierend, sondern erleichtert. „Das ist das Zeichen für den Neuanfang.“ Demnächst werde das Tor restauriert.

Als Werner Schubert das letzte Mal eine Leiter an der Hausfront anlehnte und hinaufstieg, zerrten ihn Kameraden des „Schlitzers“ hinunter, prügelten ihn zu Boden und rissen ihm die Hosen vom Leib. Das war im Frühjahr 2010. In der Hofreite wütete mal wieder eine Party, die alarmierte Polizei war bereits vor Ort – und griff nicht ein, als der johlende Nazi-Mob über Werner Schubert herfiel. Halbnackt wurde der damals 58-Jährige über die Straße in sein Haus gejagt. Wenig später war ein Video des Überfalls auf Youtube zu sehen, aufgezeichnet von Patrick W.s Überwachungskamera, die Schubert wegdrehen wollte, weil sie die halbe Wiesengasse filmte.

Auf die Idee, die Hofreite zu kaufen, kam Martina Schubert kurz nach der gescheiterten Zwangsversteigerung. Nach den Erfahrungen mit dem „Schlitzer“ und den „Old Brothers“ hätten sie einfach sicher gehen wollen, „dass wir nicht wieder solche Nachbarn kriegen“. Außerdem, so war es von vornherein der Plan, soll die „Grätsche gegen Rechtsaußen“ Räume auf dem Hof bekommen, „quasi als Dankeschön“, sagt Martina Schubert. Das ehemalige Tattoo-Studio im Nebengebäude böte sich als Büro an für den Verein, der sich Anfang 2010 als Bürgerinitiative gründete.

Zufällige Begegnung mit Neonazi

Die Entscheidung für den Kauf sei ihnen allein wegen des vielen Geldes nicht leichtgefallen, sagen die Schuberts. Zumal, da sie mehr als 130.000 Euro für das Anwesen zahlten. Doch bis zum nächsten Versteigerungstermin im Februar wollten sie nicht warten. „Das war uns zu heikel“, sagt Martina Schubert. Vielleicht wäre ihnen dann doch noch jemand zuvorgekommen. Und so nahm ihr Mann bereits im November Kontakt zu Patrick W.s Vater und Anwalt auf. Er sprach sie an während der Verhandlung in Gießen. „Sehr freundlich“ seien sie gewesen, erzählt Schubert, der als Zeuge im Prozess auftrat. „Es fielen keine bösen Worte.“ Auch nicht, als er schließlich sogar mit Patrick W. selbst über den Hauskauf sprach, in einer Sitzungspause, zufällig, auf der Toilette des Landgerichts.

Nach alledem, was passiert sei, hätten sie „nie gedacht, dass das so problemlos klappen würde“, wundern sich die Schuberts noch immer. Kurz vor Weihnachten unterzeichneten sie den Kaufvertrag und begannen umgehend mit der Renovierung des Gehöfts. „Doch da kommt noch einiges auf uns zu.“ Die Strom- und Wasserleitungen müssen neu gemacht werden, Hof und Nebengebäude strotzen vor Dreck, Gerümpel und Verfall. Die Schuberts schätzen, dass sie noch mehrere Zehntausend Euro in das Haus stecken müssen.

Im Februar ziehen Mieter ein

Mit den sieben Zimmern und der Küche im Haupthaus sind sie schon weit gediehen, im Februar sollen die Mieter einziehen: Die Nachbarsfamilie Seib, die aus ihrem jetzigen Haus raus muss – und ebenfalls manch unschöne Erfahrung mit dem „Schlitzer“ gemacht hat. Einmal wurde der Vater krankenhausreif geprügelt. Es war einer der Vorfälle, wegen denen die „Grätsche“ entstand. Dass nun ausgerechnet die Seibs bald im ehemaligen „Old Brother’s Castle“ wohnen, ergab sich kurzfristig. Ein bisschen merkwürdig sei das ja schon, meint Dagmar Seib, es entbehre aber auch nicht einer gewissen Ironie, nach dem Motto: „Feind vertrieben, Burg eingenommen“.

Wenn sich das Chaos etwas gelichtet hat, wollen die Schuberts zu einer Ortsbegehung einladen, vorstellbar sei auch so etwas wie eine Ausstellung. Exponate dafür haben die Schuberts jedenfalls zu Genüge aufgestöbert: eine Hakenkreuzflagge, weitere Fahnen mit rechten Symbolen, Waffenattrappen, eine Schaukel für Sadomaso-Sex. Im Tattoo-Studio steht noch ein Totenkopf aus Keramik im Regal, auf einer Ablage liegen Skizzen von verfremdeten und stilisierten Hakenkreuzen. Überall stößt man auf Relikte, die von der Vergangenheit der Hofreite zeugen. Ein Panoptikum rechtsextremen Unflats.

Einschusslöcher in der Wand

Dazu gehören auch die diversen Räume, die im Prozess eine Rolle spielten. Das „Schießzimmer“ etwa, eine Kammer im Nebengebäude, in deren Wand knapp vierzig Einschusslöcher klaffen, einige davon gut acht Zentimeter tief.

Und natürlich der Partyraum. Sogar die Duschköpfe haben die Schuberts dort gefunden, vier an der Zahl. Eigentlich sind es Aluminium-Brausemundstücke für Gießkannen. Die Halterungen für die Rohre der Nebelmaschine sind noch in der Decke verankert. Der Sticker einer Freien Kameradschaft klebt an der Hintertür, daneben einer der „Old Brothers“: „Wir gegen linke Willkür“, heißt es darauf.

Etliche Zettel sind hinter der Theke ins Holz gepinnt, Namen, Telefonnummern, Autokennzeichen stehen darauf, vom Pizzaservice, von Freunden, von Polizeibeamten. „Oh, da hängt ja auch mein Name.“ Andreas Balser muss kurz lachen, als er den Wisch mit seinen Daten entdeckt. Der Vorsitzende der „Antifaschistischen Bildungsinitiative“ (Antifa-BI) hatte schon Ärger mit dem „Schlitzer“, Jahre bevor es die „Grätsche“ gab. Die allerdings habe beispielhaft gezeigt, wie sich „die Zivilgesellschaft erfolgreich gegen Neonazis wehren kann“.

Das Problem sei lange verharmlost worden, gerade von offizieller Seite, sagt Martina Schubert. „Doch am Ende haben wir es geschafft, alle zusammen: die Nachbarn, die Grätsche, die Antifa-BI, die Kirchen, die Gemeinde.“ Den Kauf der Hofreite will Werner Schubert daher auch als Symbol verstehen, besonders mit Blick auf den NSU und den Neonazi-Terror in Deutschland: „In Echzell haben wir dem Treiben den Garaus gemacht.“ Von einem „Happy End“ könne jedoch noch keine Rede sein. „Wir werden weiter gegen Rechtsextremismus hier in der Wetterau kämpfen.“ Denn, bestätigt Balser, der „Schlitzer“ sei zwar weg und mit ihm die Struktur, „doch die Szene und die Leute gibt es immer noch“.

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© Frankfurter Rundschau  31.01.2013

 

Frankfurter Rundschau – Lob für das Schlitzer-Urteil

Die Echzeller Initiative „Grätsche gegen Rechts“ sieht nach der Verhängung von mehr als sechs Jahren Haft gegen den rechtsradikalen Patrick W. ihren Einsatz bestätigt. 

Dass das Landgericht Gießen den unter dem Spitznamen „Schlitzer“ bekannten Rechtsextremisten Patrick W. aus Echzell am Montag zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und drei Monaten verurteilt hat, wertet die „Grätsche gegen Rechtsaußen“ auch als ihr Verdienst. „Die Verurteilung von Herrn W. ist zu einem großen Teil auch der Arbeit unseres Vereins zu verdanken“, schreibt der Vorsitzende Manfred Linss in einer Mitteilung.

Seit 2009 habe sich die „Grätsche“ für die Anwohner eingesetzt, die unter den braunen Umtrieben in und um Patrick W.s Hofreite im Ortsteil Gettenau zu leiden hatten. Und dieser Einsatz sei „nicht immer leicht“ gewesen. „Bedrohungen“ und sogar den Vorwurf, der Verein wäre dafür verantwortlich, die ganze Gemeinde ins „rechte Licht“ zu zerren, hätten sich die Mitglieder des Vereins anhören müssen. Anzeigen oder Beschwerden seien seitens der Behörden oft „nicht ernst genommen oder einfach ausgesessen“ worden, so Linss. Wenn der braune Mob Nazi-Parolen grölend durch die Straßen tobte, sei dies als „Ruhestörung“ verharmlost worden. Der „Schlitzer“ und seine Kumpels, die „Old Brothers“, seien eben „ein bisschen über die Stränge geschlagen“.

Richter Dietwin Johannes Steinbach habe Patrick W. attestiert, „ein Rassist mit einem menschenverachtenden Weltbild zu sein“, was für die „Grätsche“ der „größte Erfolg“ sei. „Wer sich mit Symbolik des Naziregimes umgibt, antisemitische Tätowierungen auf dem Arm trägt und Gaskammer-Partys feiert, ist nicht unpolitisch und schon gar kein übermütiger, dummer Junge“, betont Linss. „Rassisten sind keine netten Menschen.“ Doch leider seien rechtsextreme Ansichten längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Auch deshalb will der bereits mehrfach ausgezeichnete Verein weitermachen.

© Frankfurter Rundschau  5.12.2012

 

Wetterauer Zeitung – Patrick »Schlitzer« Wolf eine Chronik

Patrick Wolf bleibt hinter Gittern. Nach dem Urteil gegen den »Schlitzer« (sechs Jahre und drei Monate) hofft die Wetterau auf ein Ende der unruhigen Zeiten. Der 27-jährige Neonazi war Ende 2007 in seine Heimat zurückgekehrt, der Ärger mit ihm begann Anfang 2009.

Eine Chronik:

  • November 2007: der gebürtige Florstädter zieht vom südhessischen Eppertshausen in die Wiesengasse nach Gettenau
  • Oktober 2008: Wolf eröffnet das Tattoostudio »Old Brothers Inc.« in Wölfersheim
  • März 2009: es gibt Ärger, weil Wolf auf der Internetseite seines Ladens für einen Onlineshop wirbt, der T-Shirts mit rechtsradikalem Aufdruck vertreibt; ihm wird der Mietvertrag gekündigt
  • April 2009: die Antifa-BI weist darauf hin, dass Wolf auch eine Sicherheitsfirma betreibt, ihre Befürchtung: die Türsteher kennen durch die Ausweiskontrolle die Namen und Adressen von Partygästen aus dem anderen politischen Lager; der Veranstalter kündigt an, die Security zu wechseln
  • Wolf ist ein umtriebiger Geschäftsmann: von einem Inkassobüro und einer Firma, die Beschriftungen für Autos druckt, ist die Rede, von einem Taxiunternehmen, einem Kfz-Handel und einer Autowerkstatt sowie einem Versandhandel mit Textilien
  • Juni 2009: Wolf wird wegen Körperverletzung zu einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt
  • August 2009: über die Internetplattform »wer kennt wen« wirbt Wolf für die Neueröffnung des Tattoostudios in seiner Hofreite in Gettenau
  • Herbst 2009: es gibt erste Hinweise ans Echzeller Ordnungsamt, Nachbarn beschweren sich über Lärm: Hunde bellen, es wird an Autos geschraubt, Parties steigen
  • Oktober 2009: Wolf greift einen Nachbarn an, der sich über die laute Feier beschwert hatte; für die Schläge und Tritte kassiert Wolf im September 2010 eine siebenmonatige Freiheitsstrafe (zur Bewährung) wegen gefährlicher Körperverletzung
  • Ende 2009: Wolf lädt via Internet zu »Gangbang«-Parties (zu Deutsch: Gruppensex) in die Wiesengasse ein
  • Januar 2010: nach dem Überfall auf den Nachbarn im Oktober gründet sich die Bürgerinitiative »Grätsche gegen Rechtsaußen«
  • Februar 2010: die Grätsche veranstaltet einen Infoabend zum Thema Rechtsextremismus, Motto: »Wölfe im Schafspelz«, Wolf wird der Zutritt verwehrt, er beschwert sich in der WZ: »Da wird öffentlich und klar Hetze gegen mich betrieben, die weder Hand noch Fuß hat, und Schwindel erzählt, den ich angeblich treiben soll.«
  • April 2010: das Ordnungsamt löst eine Veranstaltung auf Wolfs Hofreite auf; weil er übers Internet eingeladen hat und die Feier somit nicht privat, sondern öffentlich ist, wird ihm ein Verstoß gegen Gewerbeordnung und Gaststättengesetz vorgeworfen
  • April 2010: die Gemeinde Echzell, der Wetteraukreis, die Polizei und die Grätsche gründen ein Ämternetzwerk
  • Mai 2010: ein Nachbar wird von Wolfs Partygästen von der Leiter gezogen, weil er die Kamera an Wolfs Haus wegdrehen will; Wolf stellt das Video von dem Übergriff ins Internet; der Fall beschäftigt später auch das Regierungspräsidium, weil es verboten ist, den öffentlichen Raum zu überwachen
  • Juni 2010: die Echzeller Gemeindevertretung verabschiedet eine Resolution gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit
  • Mitte 2010: Wolf versucht offenbar, über einen Strohmann ein Bordell und einen Swingerclub in der Mühlgasse zu errichten; Ordnungsamt und Kreis schreiten ein: für einen gewerblichen Betrieb wäre eine baurechtliche Nutzungsänderung nötig
  • Sommer 2010: es gibt vermehrt Beschwerden der Nachbarn wegen Ruhestörung
  • Juli 2010: auf der 90-Jahr-Feier des SV Reichelsheim wird ein Kraftfahrer türkischer Herkunft von Wolfs Clique, den »Old Brothers«, zusammengeschlagen
  • Juli 2010: auf Wolfs Grundstück werden sieben gefährliche Hunde sichergestellt, für die Wolf weder Steuern zahlt noch eine Halterzulassung besitzt; die Tiernamen weisen auf ein rechtsextremes Milieu hin: sie stammen aus der keltischen Mythologie
  • August 2010: Wolf muss die Veranstaltung »Old Summer Special« nach Staden verlegen, weil das Echzeller Ordnungsamt sie untersagt hat; die Feier findet unter Polizeibeobachtung statt
  • August 2010: die Grätsche organisiert das »1. Echzell Festival – Gemeinsam gegen Rechtsaußen«; Fräulein Wunder tritt auf
  • Oktober 2010: Florstadt tritt der Grätsche bei, Reichelsheim im November, Wölfersheim und Echzell folgen im Januar 2011
  • Oktober 2010: die Grätsche wird ein Verein
  • Oktober 2010: das Ordnungsamt untersagt Wolf die Fortsetzung der Feiern in Echzell
  • Ende 2010: Echzell und Florstadt beantragen den Lokalen Aktionsplan Mittlere Wetterau, weil ordnungsrechtliche Mittel aus ihrer Sicht nicht mehr ausreichen; auch Reichelsheim und Wölfersheim machen mit
  • Januar 2011: wegen der »Gaskammerparties« wird Wolfs Anwesen durchsucht; der Vorwurf: Volksverhetzung
  • Februar 2011: Wolf eröffnet, trotz Proteste, ein Tattoostudio in Düdelsheim
  • April 2011: Hausdurchsuchung; Wolf soll gegen das Waffengesetz verstoßen haben
  • Mai 2011: der Lokale Aktionsplan ist bewilligt, er läuft erst einmal bis Ende 2013
  • Mai 2011: Unbekannte schießen mit einer Luftdruckpistole auf eine Fensterscheibe in Wolfs Nachbarschaft
  • 7. Juli 2011: Wolf wird verhaftet; die Polizei ertappt ihn nach einer Drogenfahrt auf frischer Tat; er hat 4,5 Kilogramm Amphetamin und 600 Gramm Marihuana bei sich
  • Juli 2011: zwei Wochen nach der Verhaftung wird die Hofreite wieder durchsucht
  • August 2011: Echzell rockt gegen Rechts
  • November 2011: der Haftbefehl gegen Wolf wird gegen Auflagen außer Vollzug gesetzt; Wolf muss eine Fußfessel tragen
  • Februar 2012: im Netz taucht eine Bombendrohung gegen den Antifa-BI-Vorsitzenden auf, gepostet von einem »Patrick Paul Wolf«; Wolf sagt: »Ich war das nicht.«
  • März 2012: die beiden Bewährungsstrafen gegen Wolf aus den Jahren 2009 und 2010 werden im Hinblick aufs Betäubungsmittel-Verfahren widerrufen, er muss in Haft
  • 17. August 2012: der Prozess am Landgericht Gießen beginnt; die Vorwürfe: Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, Volksverhetzung, Verstöße gegen das Waffengesetz und das Kriegswaffenkontrollgesetz, Körperverletzung, gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, Beleidigung, Verletzung des Kunsturheberrechts
  • Oktober 2012: Wolfs Hofreite, das »Old-Brothers-Castle«, soll zwangsversteigert werden, doch niemand gibt ein Gebot ab; ein neuer Termin soll anberaumt werden
  • 3. Dezember: Wolf wird wegen Drogenhandels, Volksverhetzung, Verstößen gegen das Waffengesetz und Beleidigung zu sechs Jahren und drei Monaten verurteilt
     

© Wetterauer Zeitung  5.12.2012