Mittelhessen Bote – Grätsche-Mitglieder kaufen „Schlitzer“-Hof

Die ehemalige Hofreite von Patrick W., dem Neo-Nazi aus Echzell, der im Dezember letzten Jahres zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde, befindet sich jetzt offiziell im Besitz von Mitgliedern der  Grätsche gegen Rechtsaussen.

Mit der Abnahme des „Old Brothers“ – Schildes am Hoftor des Anwesens durch die neuen Eigentümer wurde auch symbolisch ein Schlussstrich unter die fast vier Jahre andauernden Belastungen für die Anwohner gezogen. Patrick W., der nun wegen Drogenhandel, Waffenbesitz und Volksverhetzung füt mehrere Jahre hinter Gittern sitzt, hatte dort gelebt. Immer wieder hatte es Ärger mit dn Bewohnern der Straße gegeben, wenn W. mit Gleichgesinnten ausschweifende Partys feierte, bei denen lauthals Nazi-Parolen gegrölt wurden.

„Es ist wieder ruhig in der Wiesengasse. Fast so wie früher“, resümiert Manfred Linss, 1. Vorsitzender der Grätsche gegen Rechtsaussen. Aber nur fast. Die jetzigen Eigentümer entschlossen sich zum Kauf des Anwesens eben auch, weil die Angst, es könne wieder ein „Rechter“ dort einziehen, permanent in ihren Köpfen sitzt.

„Wer das, was wir hier erlebt haben, selbst erfahren hat, kann das nachvollziehen.“, so der neue Eigentümer. Jeder Krach von der Straße, Reifenquietschen oder ähnliche Geräusche lassen auch heute noch die Erinnerungen wieder hochkommen.

Die Gründung der Grätsche gegen Rechtsaussen war der entscheidende Schritt, der den Menschen in der Wiesengasse zu diesem Erfolg zu verhalf. „Alleine ist man machtlos. Wir können nur jedem raten, der in eine solche Situation gerät, sich Mitstreiter zu suchen und selbst aktiv zu werden. Unterstützung der Behörden hatten wir anfänglich so gut wie keine“ erinnert sich Manfred Linss. Erst der Druck der Öffentlichkeit durch die Arbeit der Grätsche gegen Rechtsaussen führte bei so manchem Behördenleiter zum Umdenken. Heute stellen sich einige der damaligen Akteure im Lichte des hilfsbereiten Beamten in der Öffentlichkeit dar. Darüber können die Betroffenen heute – wieder – lachen.

Alles in allem war die Arbeit des Vereins sehr erfolgreich und richtungsweisend.

Mit der Verurteilung von Patrick W. ist aber die Arbeit der Grätsche gegen Rechtsaussen noch lange nicht getan. Aktuell arbeitet der Verein in Kooperation mit fünf weiteren Vereinen aus der Region eng zusammen, um im Juni 2013 ein großes Event gegen Rassismus und Intoleranz unter dem Motto „Vereint-Zeichen-Setzen“ auf die Beine zu stellen. Weitere Informationen hierzu folgen in Kürze

© MittelhessenBote  06.02.2013

 

Frankfurter Rundschau – Nur einer weniger

Warum ist die Einnahme des Old Brothers Castle in Echzell durch die Nachbarn für die Antifa-BI kein Grund zum Feiern? Es ist ein Teilerfolg. Es ist ein Grund, sich zu freuen, dass die Neonazis ein Zentrum weniger haben und dass eine neue Anlaufstelle gegen diese entsteht. Wir müssen aber auch feststellen, dass sich das Problem mit Neonazis in der Wetterau deutlich verschärft hat. Mit dem „Schlitzer“ ist nur eine Einzelperson weggefallen. Seine restliche Gruppe ist zum Großteil weiterhin im rechtsextremen Weltbild verfangen. Es gibt jetzt eine Person weniger, eine Struktur weniger, aber das politische Umfeld ist noch vorhanden.

Wie haben sich die Old Brothers entwickelt, seit der „Schlitzer“ hinter Schloss und Riegel sitzt?Ich sehe da eine Kontinuität. Als Gruppe sind sie abgetaucht. Aber wir entdecken Old Brothers als Neonazis bei Fußballspielen in Frankfurt, wir entdecken Old Brothers im Umfeld der NPD, wir entdecken führende Personen der Old Brothers, die Unterschriften für Pro Deutschland sammeln möchten. Wir entdecken also, dass ein Großteil der Gruppe weiter in der rechten Szene aktiv ist.

Wie wurde der „Schlitzer“ außer Gefecht gesetzt?Den Erfolg würde ich vor allem den Nachbarn zuschreiben. Die haben sich durch uns begleitet klar positioniert, auch gegen massive Widerstände staatlicher Stellen. Es war ansonsten Teamwork: Es war der Erfolg der „Grätsche“, der Antifa-BI, der Menschen vor Ort, die sich aktiv dagegengestellt haben, der Polizei, des Ordnungsamts – also von vielen verschiedenen Akteuren. Wir haben alleine Hunderte Stunden Arbeit reingesteckt – von dem Kontakt zur ersten Nachbarin bis hin zur Prozessdokumentation vor Gericht.

Welchen Anteil hat die Polizei?Am Anfang hat sich die Polizei sehr unglücklich verhalten. Das Problem wurde nicht ernst genommen und verharmlost. Wir wurden alleine gelassen von der Polizei, den staatlichen Stellen, aber auch von der Politik. Man muss aber auch sehen, dass nur die Polizei den „Schlitzer“ stoppen konnte. Ohne dessen Straftaten, ohne dass er durch die Polizei dieser Straftaten überführt wurde, gäbe es wohl weiterhin Gaskammerpartys in der Wiesengasse und er wäre weiter aktiv, denn der Zustrom an jungen Menschen zu den Old Brothers war zwar verdeckter, aber nicht abgerissen.

Die Antifa-BI spricht davon, dass das „Problem mit den Neonazis aktuell auch in Echzell eher größer“ wird. Woran machen Sie das fest? Es hat in den letzten Jahren einen Zuzug von Personen aus der rechten Szene nach Echzell gegeben. Wir haben in der Region eine Basis von jüngeren Neonazis, die aktiv ist und eine eigene rechte Jugendkultur darstellt.

Sind das von den Old Brothers unabhängige Strukturen ?Das ist eine Vermischung. Die Neonazistruktur im Wetteraukreis ist eine komplexe Mixtur aus rechtsextremen Parteien und Subkulturen. Sie ist in Echzell aber primär geprägt durch die Old Brothers.

Die Anifa-BI will einen „nachhaltigen Ansatz gegen menschenverachtende Einstellungen in der Wetterau“. Wie soll der aussehen?Wir brauchen mehr politische Bildung für junge Menschen. Wir müssen stärker an Schulen auftreten, dort Zeichen setzen, dort eine inhaltliche Positionierung gegen Neonazis vornehmen. Die Zivilgesellschaft – Vereine, Parteien – muss sich klar und ernsthaft von Neonazis distanzieren. Wir müssen auch darüber diskutieren, dass Neonazis bei Vereinsfeiern gern gesehene Gäste sind. Auch darüber, warum sie in bestimmte Diskotheken gehen können. Wir brauchen eine offene und fortschrittliche Jugendarbeit. So lange für Jugendliche das Feiern mit Neonazis attraktiver ist als die staatlichen oder alternativen Angebote, so lange haben wir ein ernstes Problem. Wir plädieren für eine freie und selbstverwaltete Jugendarbeit, wie sie früher im Jugendzentrum in Bad Nauheim betrieben wurde. Wenn junge Menschen ihre Projekte selbstständig planen und ihre Freizeit selbst gestalten, ist das das beste Mittel, um sie gegen Neonazis zu immunisieren. Dann haben sie das Selbstbewusstsein, das sie für Neonazis unerreichbar macht.

Sie kündigen in einer Pressemitteilung einen „wichtigen Baustein im Kampf gegen Neonazis“ an. Wie sieht der denn aus?Wir werden in den nächsten Tagen gemeinsam mit einem Partner einen neuen Bildungsbaustein für jüngere Menschen im Wetteraukreis vorstellen. Wir werden in naher Zukunft an Schulen deutlich präsenter sein. Details kann ich noch nicht verraten.

 

© Frankfurter Rundschau  05.02.2013

 

Wetterauer Zeitung – Relikte des Grauens im »Old-Brother’s-Castle«

Das Kapitel »Schlitzer« dürfte für die Bewohner der Gettenauer Wiesengasse endgültig der Vergangenheit angehören. Martina und Werner Schubert haben die Hofreite von Patrick W. gekauft und an eine weitere Nachbarin vermietet.

Alle drei sind Mitglieder der Grätsche gegen Rechtsaußen. Auch der Verein selbst soll in der ehemaligen Nazi-Hochburg Raum bekommen. Noch sind die Schuberts fleißig am renovieren – dabei entdecken sie auch jede Menge rechtsradikale Überbleibsel.

Auf dem Tresen liegen die Duschköpfe, aus denen einst der Nebel strömte. Auch die dazugehörigen Halterungen sind noch an der Decke montiert, eine passende Gasflasche steht in der Ecke – und in der Mitte des heruntergekommenen Raums ragt eine Pole-Dance-Stange hervor: willkommen im »Old-Brother’s-Castle«, das Gruselkabinett des Patrick W. In der ehemaligen Stallung hat der 27-jährige Gettenauer jene perfiden Gaskammerpartys gefeiert, die nicht nur in der Wiesengasse für Empörung sorgten.

Doch die Zeiten sind vorbei, seit März 2012 sitzt der selbsternannte »Schlitzer« wegen zweier Körperverletzungen im Gefängnis. Im Dezember 2012 wurde er zudem unter anderem wegen Drogenhandel, Körperverletzung und Volksverhetzung zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und drei Monaten verurteilt. Jetzt haben seine einstigen Nachbarn die Wiesengasse endgültig zurückerobert: Das Ehepaar Schubert hat die Hofreite gekauft und an eine weitere Nachbarin vermietet. Zudem soll der Verein Grätsche gegen Rechtsaußen Räume erhalten.

»Mitglieder der Grätsche haben das Haus gekauft, Mitglieder der Grätsche mieten es, und der Verein Grätsche erhält ebenfalls ein Raum. Das nenne ich einen Erfolg«, freut sich Martina Schubert, zusammen mit Ehemann Werner neue Besitzerin der Hofreite.

Schon zum ersten Zwangsversteigerungstermin waren die Schuberts gekommen. »Da war uns aber noch nicht klar, ob wir die Hofreite kaufen wollten«, sagt Martina Schubert. Als sie sich dann dafür entschieden, wollten sie nicht bis zum zweiten Zwangsversteigerungstermin warten. »Der Preis ist ja runtergegangen, das hätte sich jeder leisten können«, erzählt Werner Schubert. Es sei ein beklemmendes Gefühl gewesen, nicht zu wissen, wer als nächstes einzieht. »Noch einen Rechten hätten wir nicht ausgehalten«, sagt er. »Also haben wir selber zugeschlagen.« Deutlich mehr als die beim zweiten Zwangsversteigerungstermin aufgerufenen 130 000 Euro habe das Paar bezahlt, sagt Schubert.

Das Zusammenkommen des Geschäfts wirkt skurril: Werner Schubert hat Patrick W. im Gießener Landgericht angesprochen – genauer gesagt bei einem Toilettengang. Doch Schubert war nicht als Besucher bei der Verhandlung von Patrick W.: Er war Zeuge. Werner Schubert ist jener Mann, der im Mai 2010 auf eine Leiter stieg, um an der Fassade des »Old-Brother’s-Castle« eine Kamera wegzudrehen. Partygäste von W. bemerkten die Aktion und zerrten ihn von der Leiter. Ohne Hose flüchtete Schubert. Der Vorfall beschäftigte auch das Gericht, da W. die Szene filmte und ins Internet stellte.

»Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe«, sagt Schubert. Die Verhandlung mit W., beziehungsweise später mit dessen Vater, sei rein geschäftlich gewesen – und sehr harmonisch, wie Martina Schubert betont: »Wir hätten das auch nicht für möglich gehalten.« Der Kauf wurde Ende Dezember abgewickelt, seit gut einem Monat wird renoviert. Von dem ehemaligen Schießzimmer ist nichts mehr zu sehen: Vor der Renovierung klafften etliche Einschusslöcher in der Wand des kleinen Nebenraums, inzwischen erinnert nichts mehr an die Schießübungen der Old Brothers. Doch gänzlich sind die Relikte der Wetterauer Nazi-Hochburg nicht verschwunden. In einer Ecke des einstigen Partyraums stapeln sich CDs mit Titeln wie »heil -froh«, »Sturm 18« oder »Hier kommt der Schrecken aller linken Spießer und Pauker«, eine NPD-Schulhof-CD. Neben frauenverachtenden Sprüchen an den Wänden finden sich vor allem im ehemaligen Tattoo-Studio etliche Nazi-Reliquien. Skizzen von Hakenkreuzen, Naziflaggen und Poster zeugen vom Gedankengut des ehemaligen Besitzers.

Neue Mieter frühere Opfers W.s

Das Haupthaus hingegen ist fertig renoviert, die neuen Mieter sind schon eingezogen. Auch sie wissen von Patrick W. ein Lied zu singen: Nachdem sich der Nachbar im Oktober 2009 über eine laute Feier beschwert hatte, wurde er übel zusammengeschlagen. W. wurde dafür später zu einer siebenmonatigen Freiheitsstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt.

Manfred Linss, Vorsitzender der Grätsche gegen Rechtsaußen, ist froh, dass diese Zeiten nun vorbei sind: Auch wenn die »Relikte des Grauens« noch entfernt werden müssten, sei er stolz auf das, was hier geleistet worden sei. »Das sind alles Menschen, die sich von Anfang an engagiert haben«, sagt er beim Rundgang über das Gelände. Ein Blick über den Hof verrät, dass hier viel gearbeitet wird: Überall stehen Bauschutt, morsche Bretter und Werkzeug herum. Das deutlichste Zeichen, dass sich der Wind in der Wiesengasse gedreht hat, ist das große Schild der Old-Brothers. Früher prangte es hoch oben am Eingang des Anwesens, jetzt steht es neben dem anderen Müll zum Wegwerfen bereit. Nicht das einzige Symbol, das Linss ausgemacht hat. »Früher war das hier der Dreh- und Angelpunkt des Bösen. Dass die Hofreite jetzt von engagierten Nachbarn übernommen worden ist, hat ganz klar eine Symbolwirkung.«

»Weiterhin gegen Rechts kämpfen«

Weniger erfreut ist der Geschäftsführer der Grätsche über das Verhalten der Gemeinde. »Als klar wurde, dass die Hofreite versteigert wird, haben wir jede Menge Vorschläge gemacht, was mit den Räumen passieren könne. Uns war vor allem wichtig, dass nicht wieder Rechte hier einziehen.« Der Grätsche sei vorgeschwebt, einen Jugendclub oder aber den Förderverein der Schule dort anzusiedeln. Doch laut Linss habe die Gemeinde nicht reagiert. »Uns ist klar, dass die Gemeinde in Zeiten leerer Kassen nicht das Gebäude hätte kaufen können. Aber man muss sich doch zumindest mit der Sache beschäftigen«, ärgert sich Linss. Aber nur kurz, denn um so erfreulicher sei es, dass die Zivilgesellschaft sich der Sache angenommen und das Gebäude gekauft habe. »Das ist einmalig.«

Für Werner Schubert ist der Kauf der Hofreite gleichzeitig ein Punkt, mit der Vergangenheit abzuschließen. Der neue Besitzer des ehemaligen »Old-Brother’s-Castle« scheint keinen Groll gegen Patrick W. zu hegen: »Der Mann hat seine gerechte Strafe bekommen. Damit sollte es aber auch gut sein, die Sache gehört vergessen.« Doch auch wenn der »Schlitzer« aus der Wiesengasse verschwunden ist, für die Schuberts steht fest: »Wir werden weiterhin gegen Rechtsradikale kämpfen.

 

© Wetterauer Zeitung  02.02.2013

 

Wetterauer Zeitung – Nachbar kauft Hofreite von Patrick W.

Die Hofreite des »Schlitzers« hat einen neuen Besitzer: Ein Nachbar hat das Anwesen kurz vor Weihnachten verkauft, jetzt soll das Anwesen an einen anderen Nachbarn vermietet werden.

Außerdem soll der Verein Grätsche gegen Rechtsaußen ein Büro in dem Haus in der Wiesengasse beziehen. Derzeit werden die Räume saniert. Das Gebäude sollte
zwischenzeitlich zwangsversteigert werden, es fand sich jedoch kein Käufer.
Um die Hofreite hat es immer wieder Ärger gegeben. Vorbesitzer ist Patrick W., der derzeit unter anderem wegen Drogenhandel, Waffenbesitz und Volksverhetzung eine mehrjährige Haftstrafe absitzen muss. Jahrelang lag der Neonazi mit den Nachbarn im
Streit. Die Hofreite war auch als das Old-Brothers-Castle bekannt geworden, wo sich W. mit seinen gleichgesinnten Freunden traf und Partys feierte.

 © Wetterauer Zeitung  01.02.2013