Kreis Anzeiger – Echzeller weist jede Schuld von sich

Polizei findet in Tattoostudio verfassungswidrige Vorlagen

 „Reichsadler mit Hakenkreuz, Dolch mit Hakenkreuz, Doppelsigrune, Hitlerbildnis“ – knapp 100 Vorlagen hat die Polizei im Tattoostudio des Echzellers, der sich derzeit vor dem Gießener Landgericht verantworten muss, in einem Leitzordner gefunden. Das Verwenden verfassungswidriger Kennzeichen ist nur einer von etlichen Vorwürfen, die verhandelt werden. Unerlaubter Waffenbesitz und Drogenhandel im großen Stil sind andere. 

Den Besitz des Ordners bestreitet der 26-Jährige nicht, behauptet aber, „diesen persönlichen Karteikasten der Öffentlichkeit nicht zugänglich“ gemacht und sich deshalb „auch nicht strafbar gemacht“ zu haben. Wie so häufig in diesem Prozess, würdigte der Echzeller am Montag seine Angaben im Lichte des Strafgesetzbuches gleich selbst.

Die rechte Gesinnung, für die der verheiratete Mann ebenso bekannt sein soll wie für seine Waffenliebhaberei, stand noch ein weiteres Mal im Mittelpunkt des achten Verhandlungstages. Am Richtertisch wurde sein rechter, über und über tätowierter Arm begutachtet. Darauf soll en – für Zuschauer und Prozessbeobachter war das nicht zu sehen – ein an einem Galgen baumelnder Davidstern und darunter Totenköpfe mit leidverzerrten Gesichtern zu sehen sein. Ein Polizeibeamter hatte sich im Februar 2011 den Oberarm genauer angesehen, als der Angeklagte einen Freund in die Notaufnahme eines Friedberger Krankenhauses begleitet hatte. Daraufhin war ein Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung eingeleitet worden.

Auch die schlechten Beziehungen zur Nachbarschaft waren ein weiteres Mal Thema. Die Nachbarn seien „mit ihrer Mundpropaganda mit Schuld“ daran, dass er „als großer Krimineller“ dargestellt werde, hatte der verheiratete Mann an einem der ersten Verhandlungstage gesagt. Die Nachbarn berichteten indes von konkreten Vorfällen. Einen 16-jährigen Jungen aus seiner Straße soll der Angeklagte im Frühjahr 2011 beinahe umgefahren haben. „Erst gebremst, dann Vollgas“, erinnerte sich der Zeuge. Den Vorfall habe es nicht gegeben, behauptete der Angeklagte. Die Katze der Familie sei ihm einmal vor das Auto gelaufen, mehr nicht.

 Ein paar Türen weiter wurde am Landgericht am Montag die Verhandlung gegen einen mutmaßlichen Dealer des Echzellers eröffnet. Dem Mann aus Weilmünster wird 22-facher Handel mit Betäubungsmitteln vorgeworfen, der Echzeller soll sein Abnehmer gewesen sein. Während einer Verständigung der Verfahrensbeteiligten hatte der 23-Jährige ein Geständnis abgelegt. Ihn erwartet nun eine Freiheitsstrafe zwischen zwei Jahren und neun Monaten und drei Jahren und drei Monaten. Das Urteil in diesem Fall ergeht voraussichtlich am Freitag. Der Prozess gegen den 26-Jährigen aus Echzell wird heute fortgesetzt.

© Kreis Anzeiger 2.10.2012

 

Frankfurter Rundschau – Vergessene Kopfnuss

Das Verfahren wegen Körperverletzung gegen den Rechtsextremen Patrick W. wird eingestellt. Bei einer Jubiläumsfeier eines Vereins hatten seine „Old Brothers“ einen Türken krankenhausreif geschlagen. W. hat aber noch genügend anderes, für das er sich verantworten muss.Fest steht: Der SV Reichelsheim hat am Wochenende vom 6. bis 8. August 2010 seine 90-Jahrfeier zelebriert. Fest steht auch: Samstagnacht gab es dort eine Schlägerei, bei der einige „Old Brothers“ mitmischten. Und ein türkischer Familienvater hatte am Ende eine Nasenbeinfraktur, Blessuren und abgebrochene Zähne.

Wer aber an der Prügelei beteiligt war, wer wen provoziert und wer zuerst zugeschlagen hat, wird nicht klar am siebten Verhandlungstag des Prozesses gegen Patrick W. am Landgericht Gießen. Das Verfahren wegen Körperverletzung gegen den 26-Jährigen aus Echzell, der als Kopf der „Old Brothers“ gilt und auf den Spitznamen „Schlitzer“ hört, wird am Dienstag eingestellt.

Chaos unter den Zeugen

Es falle „im Hinblick auf die weiteren dem Angeklagten zur Last gelegten Taten“ und auf das zu erwartende Gesamtstrafmaß nicht ins Gewicht. Außerdem, so der Vorsitzende Richter Dietwin Johannes Steinbach, habe man den ganzen Vormittag verhandelt, ohne zu nennenswerten Erkenntnissen gekommen zu sein. Denn die Zeugen warten mit teils sehr unterschiedlichen Versionen des Geschehens auf – sofern sie sich überhaupt daran erinnern können, respektive wollen.

Das heute 38-jährige Opfer, das als Nebenkläger auftritt, schildert den Hergang wie folgt: Er habe sich im Festzelt mit Vereinskollegen unterhalten, als sich einige Männer dazwischengedrängt und gefragt hätten, ob er wisse, was das „OB“ auf ihren T-Shirts heiße. Auf sein Nein hin hätten sie gesagt: „Das wirst du schon noch erfahren.“ Die Security sei eingeschritten, doch später hätte sich die Gruppe erneut um ihn „postiert“. Plötzlich sei W. aufgetaucht und habe ihm mit den Worten „Hast du ein Problem?“ eine Kopfnuss gegeben. Mit blutender Nase sei er nach draußen – wo die „Old Brothers“ über ihn hergefallen seien. Es habe sie wohl „gestört, dass sich ein Türke mit Deutschen arrangieren und amüsieren kann“, mutmaßt der Nebenkläger über den Grund der Attacke.

Die Zeit und der Alkohol

Die allerdings soll W. zufolge genau andersherum abgelaufen sein: Der Nebenkläger habe ihm eine Kopfnuss verpasst. Ein Zeuge aus W.s Dunstkreis bestätigt dessen Variante. Andere Zeugen bestätigen die des Nebenklägers – zumindest den Teil, der sich vor dem Zelt abgespielt haben soll. Bemerkenswert auch, dass fast alle, die am Dienstag aussagen, offenbar ein schlechtes Gedächtnis besitzen. „Da kann ich mich nicht dran erinnern, das ist ja schon zwei Jahre her.“ Und außerdem: der Alkohol.

Somit bleibt auch offen, ob die „Old Brothers“ nun Einheitskluft trugen oder nicht. Und noch etwas, nämlich die Frage, wie es eigentlich passieren kann, dass ein einzelner Mann bei einem großen Zeltfest krankenhausreif geprügelt wird – und sich kaum jemand darum zu scheren scheint.

© Frankfurter Rundschau 26.09.2012

 

Frankfurter Rundschau – Hakenkreuze und Glatzentreffen

Ein Hakenkreuz an einer Gartenhütte, ein anderes, gut sichtbar, an einem Trafo-Häuschen am Nidda-Radweg. Gerhard Salz von den Florstädter Grünen hat die Schmierereien fotografiert. Mit den Fotos leitet er am Samstagnachmittag im Bürgerhaus in Leidhecken die Diskussion über den „Umgang mit Rechten in Florstadt und Umgebung“ ein.

Das Städtchen im Zentrum der Wetterau könnte die neue Heimat der rechtsextremen „Old Brothers“ werden könnte, nachdem deren Kopf Patrick W., der sich selbst „Schlitzer“ nennt, verhaftet wurde. W. muss sich derzeit vor dem Landgericht Gießen wegen sieben Anklagen verantworten, von Volksverhetzung bis Verstößen gegen das Betäubungsmittel- und das Waffengesetz. Seine Hofreite in Echzell, bislang das Zentrum der Aktivitäten der „Old Brothers“ ist verwaist, die Zwangsversteigerung der Immobilie steht an.

„In Echzell ist es ruhig geworden“, sagt der Vorsitzende der „Grätsche gegen Rechtsaußen“ Manfred Linss. Die BI war wegen der rechtsextremen Aktivitäten in Echzell gegründet worden. Sie habe ihr Ziel, den Schlitzer aus Echzell wegzuhaben, erreicht, sagt Linss. Er geht davon aus, dass Patrick W. nicht mehr nach Echzell zurückkehren wird. Die Frau des 26-Jährigen soll inzwischen zu ihren Eltern nach Florstadt zurückgekehrt sein. W. selbst stammt ebenfalls aus Florstadt. „Die schlagen nun wieder in Florstadt auf, nachdem Echzell geschlossen wurde“, sagt Bürgermeister Herbert Unger (SPD).

Der feste Kern der Old Brothers besteht aus 50 Leuten, sagt Andreas Blaser von der Antifaschistischen Bildungsinitiative (Antifa BI) Wetterau. Das Umfeld bestehe aus etwa 300 Leuten. Diese Gruppe sei „nicht direkt politisch, sie besteht nicht nur aus Neonazis“. Gerade das mache sie aber so gefährlich. Sie sei „integraler Bestandteil der Jugendkultur“.

„Ich halte ihn nicht für einen politischen Menschen“, sagt Unger (SPD) über Patrick W. Der sei nicht „der Held“ zu dem er stilisiert werde, sondern ein „mieser, jämmerlicher Feigling“. Unger berichtet von Treffen „von schwarz bejackten Glatzen“ auf dem Parkplatz eines Lebensmittelmarktes. Weil es ein Privatgrundstück ist, könne die Stadt nur schwer dagegen vorgehen. Genauso bei den Hakenkreuzschmierereien, die sich an Privatgebäuden befänden.

In der Wetterau sei der Rechtsextremismus schon immer stark, sagt Balser. Woher das komme, fragt einer aus dem Publikum. Es fehle vor allem in der östlichen Wetterau an Angeboten für Jugendliche und es gebe eine Ignoranz gegenüber rechtsextremen Aktivitäten. In dieser Situation könne ein Patrick W. „jede Menge Jugendliche ziehen“, antwortet Balser.

© Frankfurter Rundschau 24.09.2012

 

Wetterauer Zeitung – Prozess: Unter Duschköpfen im »Brausebad« gefeiert?

Am fünften Verhandlungstag gerät der Prozess gegen den Neonazi „Schlitzer“ aus Echzell vollends durcheinander: Zeugen und Angeklagter belasten sich gegenseitig und liefern zig widersprechende Versionen diverser Episoden rund um Drogenbesitz und Waffennarretei.

Drogen und Waffen. Die beiden Anklagen, die die Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz sowie gegen das Waffen- und Kriegswaffenkontrollgesetz beinhalten, sind vorerst abgehakt. Knapp 20 Zeugen waren geladen, ungefähr ein Drittel davon Polizisten. Einzelne Aussagen werden noch nachgeholt, etwa die eines Sachverständigen des LKA, der beurteilen soll, ob ein beim Angeklagten gefundener Lauf eines Maschinengewehrs in eine funktionsfähige Waffe hätte umgebaut werden können.

Am Ende des fünften und bislang längsten Verhandlungstages des Prozesses am Gießener Landgericht gegen Patrick W. aus Echzell nimmt dieser Stellung zu den Vorwürfen – und kämpft plötzlich mit den Tränen. Es passt nicht ganz in das Bild, das bislang von dem unter dem Spitznamen „Schlitzer“ bekannten Neonazi gezeichnet wurde, sowohl von anderen, als auch von ihm selbst.

Zeugen haben ihn beschrieben als einen, der kein Geheimnis mache aus seinen Geschäften und Aktivitäten, der sogar regelrecht damit prahle. Polizisten zufolge ist er der unangefochtene Kopf der rechten Truppe „Old Brothers“, der gern den „großen Macker“ markiere und jede Möglichkeit nutze, sich in den Mittelpunkt zu drängen. Der 26-Jährige hatte sich während der Verhandlung selbst als „sehr dominant“ bezeichnet. Er sei nun mal der „Schlitzer“ und als solcher bekannt in seiner Heimatgegend.

Vor Gericht ist er bislang souverän, fast locker aufgetreten. Er war immer gut vorbereitet und kannte sich aus in den Prozessakten. Er befragte und korrigierte Zeugen und andere Prozessbeteiligte, war bisweilen vorlaut und flapsig. Oft grinste er hinüber in den Zuschauerraum, wo hinter der Panzerglasscheibe immer mindestens ein Dutzend seiner Anhänger den Prozess verfolgen, darunter seine Ehefrau.

An sie wendet sich Patrick W. auch am Dienstag in seiner Einlassung zu den Drogendelikten, die ihm vorgeworfen werden. Vor allem ihretwegen täte ihm das alles „so leid“. Anfangs sei das ja „nur Spaß“ gewesen, überhaupt hätte er vor August 2010 Drogen nie angerührt. „Und bevor ich mich versehen hatte, war ich da mittendrin.“ Mittendrin im Betäubungsmittelgeschäft. Er habe das lange „nicht realisiert“, es sei ihm nicht gelungen, sich „aus der ganzen Situation zu lösen“. Das habe er erst in der Haft „bewusst geschafft“. Seine Stimme zittert, er schluchzt. Die Verhandlung wird unterbrochen.

Kokain in Wurstdosen

Ansonsten wird an diesem fünften von zehn Prozesstagen, in denen sieben Anklagen gegen W. verhandelt werden, unter anderem eines deutlich: Fast sämtliche der geladenen Zeugen, die aus W.s Dunstkreis stammen und nun gegen ihn aussagen sollen, haben selbst irgendwelche Verfahren am Hals, sei es wegen Drogen, Körperverletzung oder Diebstahl. Nun belasten sie ihren alten Kumpel – und der belastet sie. Es scheint, als wolle jeder den anderen reinreiten, um selbst glimpflicher davonzukommen.

Dabei geht es um den Schießraum in W.s Hofreite, in dem mit einer Maschinenpistole und weiteren Waffen herumgeballert wurde. Es geht um ein mit einer Schrotflinte zu Schrott geschossenes Auto. Es geht um Pistolen, Revolver und Gewehre, Replika und funktionsfähiges Schießgerät. Es geht um einen Haufen Munition verschiedenen Kalibers. Und es geht um einen Schießkugelschreiber. Und außerdem noch um Kokain in Wurstdosen und Amphetaminpaste in Brotlaib-Format. Wer davon aber was, wann und wo erworben, besessen, benutzt, angeschleppt oder verteilt haben soll, da gehen die Auskünfte auseinander.

Der Hauptbelastungszeuge gibt an, er habe „viel Scheiße gebaut“ in seinem Leben, und genau damit habe er „abschließen“ wollen, auch wegen seines kleinen Kindes. Zweimal war er seiner Ladung nicht gefolgt, am Dienstag sagt er schließlich im Beisein seines Anwaltes aus.

Den eigenen Arsch retten

„Haben Sie Angst vor dem Herrn W.?“, will der Vorsitzende Richter Dietwin Johannes Steinbach wissen. Und Staatsanwältin Carina Häublein fragt, ob er wegen seiner Aussage von jemandem „angegangen“ worden sei. Beides verneint der 26-Jährige, der als erster umfangreich bei der Polizei gegen W. auspackte, sowohl im Hinblick auf Drogen, als auch auf Waffen, mit denen der „Schlitzer“ zu tun gehabt haben soll.

Anlass war der Umstand, dass der Zeuge im April 2011 selbst verhaftet wurde, unter anderem wegen des Vorwurfs des bandenmäßigen Diebstahls zusammen mit zwei anderen Männern. Diese hatten zuvor schon gegen W. ausgesagt – und dabei offensichtlich versucht, ihren „Old Brother“ nicht mehr als nötig zu belasten. Anders als ihr mutmaßlicher Kompagnon. Beim Verhör nach seiner Verhaftung bezichtigte er W. des Drogenhandels und des Waffenbesitzes. Laut Polizei bot er von sich aus an, zum Schein den Kauf einer Maschinenpistole anzubahnen, um W. zu überführen. „Ich wollte meinen Arsch retten“, sagt der 26-Jährige. Sprich: Für die Kooperation mit der Polizei erhoffte er sich im Gegenzug, dass eine ihm drohende Haftstrafe in eine Geldstrafe umgemünzt werde – was auch geschah, wie der Zeuge bestätigt.

Der Deal mit der Maschinenpistole geschah dagegen nicht. Der Zeuge sei in der Sache „eigeninitiativ vorangeprescht“, schildert einer der ermittelnden Beamten. So sei er unmittelbar nach seiner ersten Vernehmung zu W. gefahren und habe diesem erzählt, er habe einen Interessenten für eine MP an der Hand. Dann habe er auch noch 500 Euro Anzahlung aus eigener Tasche auf den Tisch geblättert. Der Zeuge, sagt der Polizist, habe dabei „ohne Absprache“ gehandelt.

Wanze oder Waffe

W. bestreitet, dass der Zeuge überhaupt so gehandelt hat. Er sei an diesem Abend vielmehr zu ihm gekommen und habe ihm einen Zettel in die Hand gedrückt mit der Aufschrift: „Deine Wohnung ist verwanzt“. Außerdem habe der Zeuge ihm verständlich gemacht, dass ihm die Polizei auf den Fersen sei. 500 Euro habe es nicht gegeben und auch nicht die Möglichkeit, dass er eine MP hätte besorgen können.

Statt einer Waffe präsentierte der Zeuge der Polizei bald darauf vier rote Ecstasy-Pillen, die er angeblich von W. „zum Probieren“ bekommen habe. Außerdem schleuste laut Polizei der Zeuge den verdeckt ermittelnden Beamten „Kai“ ein, der 10.000 Pillen von W. kaufen wollte. Auch dies misslang, offenbar weil W. Verdacht schöpfte.

Wenige Monate später schwärzte dieser seinerseits den Zeugen an, worauf am 16. November 2011 dessen Haus und Grundstück durchsucht und unter anderem eine Waffe sichergestellt wurde. So geht es aus den Akten hervor. Zwei Tage später, am 18. November 2011, wurde W. aus der U-Haft entlassen, in der er gesessen hatte, seit die Polizei Anfang Juli 2011 einen Rucksack mit 4,5 Kilo Amphetamin und mehr als einem Pfund Marihuana bei ihm sicherstellte.

Und Patrick W. kreidet dem Zeugen („Ich hasse den.“) in seiner Einlassung am Dienstag noch Weiteres an: So sei er es gewesen, der im Winter 2010/2011 eines Abends mit einer schwarzen Tasche in seiner Hofreite auftauchte, eine Maschinenpistole – vermutlich eine britische Sten Gun – auspackte, sie im Wohnzimmer zusammenschraubte und dazu aufforderte, in W.s Schießraum zu gehen. Mit dabei laut W.: die beiden Männer, die mit denen sich der Hauptbelastungszeuge noch wegen bandenmäßigen Diebstahls verantworten muss.

Drogenkauf in Polen

Deren Versionen der MP-Episode im Schießraum, die sie bereits am vorangegangenen Verhandlungstag mehr oder weniger bereitwillig vor Gericht geschildert hatten, klingen etwas anders. Sie unterscheiden sich dabei sowohl von der des Zeugen, mit dem gemeinsam sie noch eine andere Sache durchzustehen haben, als auch von der Ws., den sie nach wie vor als ihren Freund bezeichnen. Denn während der Hauptbelastungszeuge nie „Member“ der „Old Brothers“ war, gehören die beiden anderen offenbar zum harten Kern der Szene – was zum Beispiel deren Tattoos nahelegen.

Im Zusammenhang mit den drei Männern spricht W. auch über Kokain, das unter Wurstbrät in Dosen versteckt in der Szene gereicht worden sei. Außerdem behauptet W., dass der Hauptbelastungszeuge ihm die MP zum Kauf angeboten, sie dann aber anderweitig verscherbelt habe, um zu Geld für einen Drogeneinkauf in Polen zu kommen.

Dass im Schießraum in W.s Hofreite geschossen wurde, belegen die 39 Projektileinschläge und die 17 Geschosse unterschiedlichen Kalibers, die noch in den Löchern in der Wand steckten, gibt der ermittelnde Polizeibeamte die sichergestellten Beweismittel zu Protokoll. Funktionsfähige Waffen wurden bei den diversen Hausdurchsuchungen in W.s Hofreite und in seinem Tattoostudio allerdings nie gefunden, lediglich Replika und unbrauchbar gemachtes Deko-Gerät, sowie mehrere hundert Patronen für unterschiedliche Waffentypen.

W. sagt nun, dass der Hauptbelastungszeuge nicht nur mit der MP „im Dauerfeuer über die Wand“ geballert habe, sondern noch weitere Waffen in seiner schwarzen Tasche angeschleppt habe. W. spricht von „drei, vier Pistolen“. Er selbst aber habe diese Waffen jedenfalls nie besessen.

Gefährlicher Kuli-Kauf

Genauso wenig wie die doppelläufige Schrotflinte, mit der sein alter Golf auf seinem Grundstück zusammengeschossen wurde. Diese Flinte habe wiederum ein anderer Zeuge, der am vorherigen Verhandlungstag ausgesagt hatte, von seinem Onkel ausgeborgt und mitgebracht. Zwei Schuss Munition seien dabei gewesen, so W. Weil der Onkel habe wissen wollen, was damit passiere („Der wollte einfach sicher gehen, dass wir damit nicht auf Katzen oder Vögel ballern.“), habe sein Neffe die Aktion mit der Handykamera dokumentiert. Ob er das Video dann auch seinem Onkel zeigte, ist nicht klar. Der Zeuge bestreitet nämlich, dass sich das Ganze so zugetragen und er die Flinte beschafft hat. Klar ist allerdings, dass er die Aufnahme der Polizei übergab. Denn auch er erhoffte sich aus einer Kooperation offenbar Vorteile in einem gegen ihn laufenden Ermittlungsverfahren. So will er außerdem bei W. an zwei verschiedenen Tagen geschätzte zwei Kilo Amphetaminpaste gesehen haben, die „aussah wie weißes Brot“.

Im Gerichtssaal wird das Video in Augenschein genommen. Zwar ist darauf nicht zu sehen, wer die Schüsse auf das Auto abgab, doch W. räumt ein, dass er es gewesen sei. Ebenso räumt er den Besitz von Munition verschiedenen Kalibers ein sowie den eines Schießkugelschreibers. Den habe er auf einer Waffenmesse gekauft, er sei nun mal ein Waffenliebhaber und kenne sich gut aus. „Den Kuli hat es gegeben, doch funktioniert hat er nicht.“

Der Opa im Supermarkt

Auch wenn er den Besitz und Kauf von echten Waffen bestreitet, zeigt er sich geradezu verständnisvoll dafür, dass man ihm solche Vorwürfe macht. „Eine Zeitlang habe ich jeden Monat von irgendeinem Durchgepeitschten was angeboten bekommen.“ Als Beispiel nennt er einen „Opa“, der ihn im Supermarkt gefragt habe, ob er nicht eine alte Weltkriegswaffe kaufen wolle. „Du bist doch so einer.“

Auch auf die Drogendelikte, die ihm vorgeworfen werden, geht W. in seiner, diesen sowie den Waffenkomplex abschließenden Einlassung ein. Vieles gibt er zu, bestreitet aber unter anderem, Mengen in Brotlaib-Größe besessen und das Amphetamin mit Koffeinpulver gestreckt zu haben.

Am nächsten Verhandlungstag am Freitag geht es los mit dem Anklagenkomplex wegen Volksverhetzung.

© Wetterauer Zeitung 22.09.2012

 

Frankfurter Rundschau – Das Schluchzen des Schlitzers

Am fünften Verhandlungstag gerät der Prozess gegen den Neonazi „Schlitzer“ aus Echzell vollends durcheinander: Zeugen und Angeklagter belasten sich gegenseitig und liefern zig widersprechende Versionen diverser Episoden rund um Drogenbesitz und Waffennarretei.

Drogen und Waffen. Die beiden Anklagen, die die Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz sowie gegen das Waffen- und Kriegswaffenkontrollgesetz beinhalten, sind vorerst abgehakt. Knapp 20 Zeugen waren geladen, ungefähr ein Drittel davon Polizisten. Einzelne Aussagen werden noch nachgeholt, etwa die eines Sachverständigen des LKA, der beurteilen soll, ob ein beim Angeklagten gefundener Lauf eines Maschinengewehrs in eine funktionsfähige Waffe hätte umgebaut werden können.

Am Ende des fünften und bislang längsten Verhandlungstages des Prozesses am Gießener Landgericht gegen Patrick W. aus Echzell nimmt dieser Stellung zu den Vorwürfen – und kämpft plötzlich mit den Tränen. Es passt nicht ganz in das Bild, das bislang von dem unter dem Spitznamen „Schlitzer“ bekannten Neonazi gezeichnet wurde, sowohl von anderen, als auch von ihm selbst.

Zeugen haben ihn beschrieben als einen, der kein Geheimnis mache aus seinen Geschäften und Aktivitäten, der sogar regelrecht damit prahle. Polizisten zufolge ist er der unangefochtene Kopf der rechten Truppe „Old Brothers“, der gern den „großen Macker“ markiere und jede Möglichkeit nutze, sich in den Mittelpunkt zu drängen. Der 26-Jährige hatte sich während der Verhandlung selbst als „sehr dominant“ bezeichnet. Er sei nun mal der „Schlitzer“ und als solcher bekannt in seiner Heimatgegend.

Vor Gericht ist er bislang souverän, fast locker aufgetreten. Er war immer gut vorbereitet und kannte sich aus in den Prozessakten. Er befragte und korrigierte Zeugen und andere Prozessbeteiligte, war bisweilen vorlaut und flapsig. Oft grinste er hinüber in den Zuschauerraum, wo hinter der Panzerglasscheibe immer mindestens ein Dutzend seiner Anhänger den Prozess verfolgen, darunter seine Ehefrau.

An sie wendet sich Patrick W. auch am Dienstag in seiner Einlassung zu den Drogendelikten, die ihm vorgeworfen werden. Vor allem ihretwegen täte ihm das alles „so leid“. Anfangs sei das ja „nur Spaß“ gewesen, überhaupt hätte er vor August 2010 Drogen nie angerührt. „Und bevor ich mich versehen hatte, war ich da mittendrin.“ Mittendrin im Betäubungsmittelgeschäft. Er habe das lange „nicht realisiert“, es sei ihm nicht gelungen, sich „aus der ganzen Situation zu lösen“. Das habe er erst in der Haft „bewusst geschafft“. Seine Stimme zittert, er schluchzt. Die Verhandlung wird unterbrochen.

Kokain in Wurstdosen

Ansonsten wird an diesem fünften von zehn Prozesstagen, in denen sieben Anklagen gegen W. verhandelt werden, unter anderem eines deutlich: Fast sämtliche der geladenen Zeugen, die aus W.s Dunstkreis stammen und nun gegen ihn aussagen sollen, haben selbst irgendwelche Verfahren am Hals, sei es wegen Drogen, Körperverletzung oder Diebstahl. Nun belasten sie ihren alten Kumpel – und der belastet sie. Es scheint, als wolle jeder den anderen reinreiten, um selbst glimpflicher davonzukommen.

Dabei geht es um den Schießraum in W.s Hofreite, in dem mit einer Maschinenpistole und weiteren Waffen herumgeballert wurde. Es geht um ein mit einer Schrotflinte zu Schrott geschossenes Auto. Es geht um Pistolen, Revolver und Gewehre, Replika und funktionsfähiges Schießgerät. Es geht um einen Haufen Munition verschiedenen Kalibers. Und es geht um einen Schießkugelschreiber. Und außerdem noch um Kokain in Wurstdosen und Amphetaminpaste in Brotlaib-Format. Wer davon aber was, wann und wo erworben, besessen, benutzt, angeschleppt oder verteilt haben soll, da gehen die Auskünfte auseinander.

Der Hauptbelastungszeuge gibt an, er habe „viel Scheiße gebaut“ in seinem Leben, und genau damit habe er „abschließen“ wollen, auch wegen seines kleinen Kindes. Zweimal war er seiner Ladung nicht gefolgt, am Dienstag sagt er schließlich im Beisein seines Anwaltes aus.

Den eigenen Arsch retten

„Haben Sie Angst vor dem Herrn W.?“, will der Vorsitzende Richter Dietwin Johannes Steinbach wissen. Und Staatsanwältin Carina Häublein fragt, ob er wegen seiner Aussage von jemandem „angegangen“ worden sei. Beides verneint der 26-Jährige, der als erster umfangreich bei der Polizei gegen W. auspackte, sowohl im Hinblick auf Drogen, als auch auf Waffen, mit denen der „Schlitzer“ zu tun gehabt haben soll.

Anlass war der Umstand, dass der Zeuge im April 2011 selbst verhaftet wurde, unter anderem wegen des Vorwurfs des bandenmäßigen Diebstahls zusammen mit zwei anderen Männern. Diese hatten zuvor schon gegen W. ausgesagt – und dabei offensichtlich versucht, ihren „Old Brother“ nicht mehr als nötig zu belasten. Anders als ihr mutmaßlicher Kompagnon. Beim Verhör nach seiner Verhaftung bezichtigte er W. des Drogenhandels und des Waffenbesitzes. Laut Polizei bot er von sich aus an, zum Schein den Kauf einer Maschinenpistole anzubahnen, um W. zu überführen. „Ich wollte meinen Arsch retten“, sagt der 26-Jährige. Sprich: Für die Kooperation mit der Polizei erhoffte er sich im Gegenzug, dass eine ihm drohende Haftstrafe in eine Geldstrafe umgemünzt werde – was auch geschah, wie der Zeuge bestätigt.

Der Deal mit der Maschinenpistole geschah dagegen nicht. Der Zeuge sei in der Sache „eigeninitiativ vorangeprescht“, schildert einer der ermittelnden Beamten. So sei er unmittelbar nach seiner ersten Vernehmung zu W. gefahren und habe diesem erzählt, er habe einen Interessenten für eine MP an der Hand. Dann habe er auch noch 500 Euro Anzahlung aus eigener Tasche auf den Tisch geblättert. Der Zeuge, sagt der Polizist, habe dabei „ohne Absprache“ gehandelt.

Wanze oder Waffe

W. bestreitet, dass der Zeuge überhaupt so gehandelt hat. Er sei an diesem Abend vielmehr zu ihm gekommen und habe ihm einen Zettel in die Hand gedrückt mit der Aufschrift: „Deine Wohnung ist verwanzt“. Außerdem habe der Zeuge ihm verständlich gemacht, dass ihm die Polizei auf den Fersen sei. 500 Euro habe es nicht gegeben und auch nicht die Möglichkeit, dass er eine MP hätte besorgen können.

Statt einer Waffe präsentierte der Zeuge der Polizei bald darauf vier rote Ecstasy-Pillen, die er angeblich von W. „zum Probieren“ bekommen habe. Außerdem schleuste laut Polizei der Zeuge den verdeckt ermittelnden Beamten „Kai“ ein, der 10.000 Pillen von W. kaufen wollte. Auch dies misslang, offenbar weil W. Verdacht schöpfte.

Wenige Monate später schwärzte dieser seinerseits den Zeugen an, worauf am 16. November 2011 dessen Haus und Grundstück durchsucht und unter anderem eine Waffe sichergestellt wurde. So geht es aus den Akten hervor. Zwei Tage später, am 18. November 2011, wurde W. aus der U-Haft entlassen, in der er gesessen hatte, seit die Polizei Anfang Juli 2011 einen Rucksack mit 4,5 Kilo Amphetamin und mehr als einem Pfund Marihuana bei ihm sicherstellte.

Und Patrick W. kreidet dem Zeugen („Ich hasse den.“) in seiner Einlassung am Dienstag noch Weiteres an: So sei er es gewesen, der im Winter 2010/2011 eines Abends mit einer schwarzen Tasche in seiner Hofreite auftauchte, eine Maschinenpistole – vermutlich eine britische Sten Gun – auspackte, sie im Wohnzimmer zusammenschraubte und dazu aufforderte, in W.s Schießraum zu gehen. Mit dabei laut W.: die beiden Männer, die mit denen sich der Hauptbelastungszeuge noch wegen bandenmäßigen Diebstahls verantworten muss.

Drogenkauf in Polen

Deren Versionen der MP-Episode im Schießraum, die sie bereits am vorangegangenen Verhandlungstag mehr oder weniger bereitwillig vor Gericht geschildert hatten, klingen etwas anders. Sie unterscheiden sich dabei sowohl von der des Zeugen, mit dem gemeinsam sie noch eine andere Sache durchzustehen haben, als auch von der Ws., den sie nach wie vor als ihren Freund bezeichnen. Denn während der Hauptbelastungszeuge nie „Member“ der „Old Brothers“ war, gehören die beiden anderen offenbar zum harten Kern der Szene – was zum Beispiel deren Tattoos nahelegen.

Im Zusammenhang mit den drei Männern spricht W. auch über Kokain, das unter Wurstbrät in Dosen versteckt in der Szene gereicht worden sei. Außerdem behauptet W., dass der Hauptbelastungszeuge ihm die MP zum Kauf angeboten, sie dann aber anderweitig verscherbelt habe, um zu Geld für einen Drogeneinkauf in Polen zu kommen.

Dass im Schießraum in W.s Hofreite geschossen wurde, belegen die 39 Projektileinschläge und die 17 Geschosse unterschiedlichen Kalibers, die noch in den Löchern in der Wand steckten, gibt der ermittelnde Polizeibeamte die sichergestellten Beweismittel zu Protokoll. Funktionsfähige Waffen wurden bei den diversen Hausdurchsuchungen in W.s Hofreite und in seinem Tattoostudio allerdings nie gefunden, lediglich Replika und unbrauchbar gemachtes Deko-Gerät, sowie mehrere hundert Patronen für unterschiedliche Waffentypen.

W. sagt nun, dass der Hauptbelastungszeuge nicht nur mit der MP „im Dauerfeuer über die Wand“ geballert habe, sondern noch weitere Waffen in seiner schwarzen Tasche angeschleppt habe. W. spricht von „drei, vier Pistolen“. Er selbst aber habe diese Waffen jedenfalls nie besessen.

Gefährlicher Kuli-Kauf

Genauso wenig wie die doppelläufige Schrotflinte, mit der sein alter Golf auf seinem Grundstück zusammengeschossen wurde. Diese Flinte habe wiederum ein anderer Zeuge, der am vorherigen Verhandlungstag ausgesagt hatte, von seinem Onkel ausgeborgt und mitgebracht. Zwei Schuss Munition seien dabei gewesen, so W. Weil der Onkel habe wissen wollen, was damit passiere („Der wollte einfach sicher gehen, dass wir damit nicht auf Katzen oder Vögel ballern.“), habe sein Neffe die Aktion mit der Handykamera dokumentiert. Ob er das Video dann auch seinem Onkel zeigte, ist nicht klar. Der Zeuge bestreitet nämlich, dass sich das Ganze so zugetragen und er die Flinte beschafft hat. Klar ist allerdings, dass er die Aufnahme der Polizei übergab. Denn auch er erhoffte sich aus einer Kooperation offenbar Vorteile in einem gegen ihn laufenden Ermittlungsverfahren. So will er außerdem bei W. an zwei verschiedenen Tagen geschätzte zwei Kilo Amphetaminpaste gesehen haben, die „aussah wie weißes Brot“.

Im Gerichtssaal wird das Video in Augenschein genommen. Zwar ist darauf nicht zu sehen, wer die Schüsse auf das Auto abgab, doch W. räumt ein, dass er es gewesen sei. Ebenso räumt er den Besitz von Munition verschiedenen Kalibers ein sowie den eines Schießkugelschreibers. Den habe er auf einer Waffenmesse gekauft, er sei nun mal ein Waffenliebhaber und kenne sich gut aus. „Den Kuli hat es gegeben, doch funktioniert hat er nicht.“

Der Opa im Supermarkt

Auch wenn er den Besitz und Kauf von echten Waffen bestreitet, zeigt er sich geradezu verständnisvoll dafür, dass man ihm solche Vorwürfe macht. „Eine Zeitlang habe ich jeden Monat von irgendeinem Durchgepeitschten was angeboten bekommen.“ Als Beispiel nennt er einen „Opa“, der ihn im Supermarkt gefragt habe, ob er nicht eine alte Weltkriegswaffe kaufen wolle. „Du bist doch so einer.“

Auch auf die Drogendelikte, die ihm vorgeworfen werden, geht W. in seiner, diesen sowie den Waffenkomplex abschließenden Einlassung ein. Vieles gibt er zu, bestreitet aber unter anderem, Mengen in Brotlaib-Größe besessen und das Amphetamin mit Koffeinpulver gestreckt zu haben.

Am nächsten Verhandlungstag am Freitag geht es los mit dem Anklagenkomplex wegen Volksverhetzung.

© Frankfurter Rundschau 20.09.2012

 

Wetterauer Zeitung – Patrick Wolf will nicht zurück in die Wiesengasse

Viele Echzeller werden aufatmen: Patrick Wolf, Oberhaupt der rechtsradikalen Gruppierung »Old Brothers«, hat während seiner Verhandlung am Landgericht Gießen am Dienstag erklärt, dass er nicht in seine Hofreite in Gettenau zurückkehren möchte.Und auch eine zweite Bemerkung des Angeklagten sorgte für Aufsehen: Sein Tattoo-Studio ist offenbar mit einem Existenzgründungszuschuss von der Arbeitsagentur gefördert worden. Was laut deren Pressesprecher unumgänglich war.

»Ich will da nicht mehr wohnen«, antwortete Wolf auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Dietwin Johannes Steinbach, was aus seinem Anwesen werden soll. Zu viel sei geredet und geschrieben worden, als dass es ihn hierhin zurückziehen würde. Er wolle stattdessen erst einmal zu seinen Eltern ziehen und vielleicht später »irgendwo was Neues kaufen«. Die Hofreite in der Wiesengasse soll zwangsversteigert werden.

Manfred Linss, Vorsitzender des Vereins »Grätsche gegen Rechtsaußen«, zeigt sich darüber erleichtert: »Schön, dass er weg ist. Unser ursprüngliches Ziel als Bürgerinitiative ist damit erreicht. Unsere Ziele als Verein gehen aber darüber hinaus.« Mit Patrick Wolf sei zwar eine zentrale Figur der regionalen rechten Szene vorübergehend ausgeschaltet, doch seine Anhängerschaft sei immer noch aktiv. »Es muss unser Ziel sein, das rechtsextreme Gedankengut aus den Köpfen der Jugendlichen zu bekommen«, so Linss.

Auch für Andreas Balser von der Antifaschistischen Bildungsinitiative Friedberg ist der Rückzug Patrick Wolfs aus Echzell nur ein Teilerfolg. »Für die Leute in der Wiesengasse ist es natürlich eine Befreiung, fast eine Rückkehr zur Normalität. Aber für die Region leider nicht.«

Wolfs Hofreite, das »Old-Brothers-Castle«, wird am 15. Oktober zur Zwangsversteigerung angeboten. Laut dem Exposé des Amtsgerichts Büdingen hat das um 1900 erbaute Anwesen einen Verkehrswert von 163 000 Euro. Was danach aus dem zentral gelegenen, unter Denkmalschutz stehenden Haus wird, ist noch nicht klar. Für Linss bietet sich mit dem Verkauf jedoch eine einmalige Gelegenheit. »Vielleicht kauft die Gemeinde die Hofreite.« Dann könne hier ein Kulturzentrum für Jung und Alt entstehen. »So etwas gibt es in Echzell noch nicht.« Insbesondere vor dem Hintergrund, dass dies der zentrale Punkt der »Old Brothers« war, biete sich das Objekt für diesen Zweck an, so Linss. »Wir als Verein würden das auch aktiv unterstützen.«

Balser ist ähnlicher Meinung: Die Atempause, die die Region durch Wolfs Verhaftung erhalte, müsse sinnvoll genutzt werden, bevor sich neue Strukturen etablierten. Er fordert Aussteigerprogramme und ein breiteres Angebot an Freizeitmöglichkeiten für perspektivlose Jugendliche.

Doch der Rückzug Wolfs aus Echzell war nicht der einzige Punkt, der am fünften Verhandlungstag gegen den »Schlitzer« das Interesse Balsers weckte. Denn noch während der Verhandlung veröffentlichte der Sprecher der Antifa-BI eine kurze Pressemitteilung: »Es ist ein politischer Skandal, dass die Aktivitäten des Herrn W. laut seiner Aussage mit einem Existenzgründungszuschuss des Arbeitsamtes [sic] unterstützt wurden.« Tatsächlich hatte Wolf während des Prozesses in einem Nebensatz zu seiner finanziellen Lage erwähnt, dass er monatlich 1350 Euro Existenzgründerzuschuss für sein Tätowierstudio erhalten habe. Zwar formuliert Balser sehr provokativ, wenn er von einer »Unterstützung« von Wolfs »Aktivitäten« spricht, dennoch stellt sich die Frage, warum die Arbeitsagentur nicht genauer hingesehen hat, wen sie mit öffentlichen Geldern förderte.

 Spätestens seit März 2009 ist Wolfs Hintergrund bekannt, Initiativen machten auf die Existenz der »Old Brothers« aufmerksam, Medien berichteten darüber, und Protest formierte sich nicht nur unter den Bürgern, sondern auch in der Lokalpolitik. Auf Nachfrage der Wetterauer Zeitung äußerte Johannes Paul, Pressesprecher der Arbeitsagentur Gießen, sein Verständnis für die Kritik an der Gewährung des Existenzgründerzuschusses. Aus datenschutzrechtlichen Gründen könne er sich zwar nicht speziell zu diesem Fall äußern, jedoch gibt er zu bedenken, dass »nach Erfüllung der Kriterien ein Rechtsanspruch vorhanden und damit ein Gründungszuschuss zwingend zu zahlen« ist. Das heißt nach damaliger Rechtslage: Hat der Antragsteller die nötigen Fähigkeiten zur Ausübung des Gewerbes und einen Restanspruch auf Arbeitslosengeld für mehr als 90 Tage sowie einen zertifizierten Geschäftsplan, muss der Zuschuss gewährt werden – unabhängig von Gesinnung und Vorstrafen. Immerhin habe jeder ein Recht auf eine zweite Chance. »Wir können nicht aus der Vergangenheit auf die Zukunft schließen – das sieht das Gesetz nicht vor«, so Paul.

© Wetterauer Zeitung 20.09.2012

 

Wetterauer Zeitung – Idee der Wolf-Clique: »Zerballern wir die Karre«

Die Mauer sollte ohnehin eingerissen werden – so rechtfertigte Patrick Wolf vor dem Landgericht Gießen am Dienstag die 39 Einschusslöcher in einer Wand seiner Gettenauer Hofreite. Es war der mittlerweile fünfte Verhandlungstag gegen den »Schlitzer«.

Seinen Spitznamen erhielt Wolf, weil er einen Ausländer niedergestochen haben soll. Vor dem Landgericht muss der 26-Jährige sich unter anderem wegen Drogendelikten, Körperverletzung, Volksverhetzung und Verstößen gegen das Waffengesetz verantworten.

Für die Ermittler des Hessischen Landeskriminalamtes ist die besagte Wand eine wahre Fundgrube: Die Ermittler bargen vom großkalibrigen 44er-Magnumgeschoss über die eher exotische 7,62mm-Pistolenkugel bis hin zur 9mm-Maschinenpistolenpatrone eine durchaus beeindruckende Sammlung an Geschossresten aus den Löchern. Ein Fund, der zwei mögliche Schlüsse erlaubt: Patrick Wolf mag keine Wände – oder er besaß ein Waffenarsenal, das nur die wenigsten in den Händen von Rechtsradikalen sehen wollen.

Wolf bestreitet jedoch, eine der Waffen, deren Besitz ihm Staatsanwältin Carina Heublein vorwirft, jemals besessen zu haben, weder Maschinenpistole, Schrotflinte, Pistole, »Pump Gun«, Revolver noch Schießkugelschreiber. Dieses Arsenal ist bisher aber unauffindbar. Nach verschiedenen Zeugenaussagen war Wolf aber nicht nur Besitzer der Waffen, sondern hat diese seinen Freunden wiederholt vorgeführt.

Unter anderem habe er zwei Bekannten seine vollautomatische Maschinenpistole im »Schießzimmer« seines Anwesens demonstriert. Doch Wolf sieht die Geschichte anders und erläuterte seine Sicht auf jenen Abend im Herbst 2010, an dem er und seine Freunde aus der Wand einen Schweizer Käse machten. Seiner Aussage nach habe ein Bekannter von ihm – der Hauptbelastungszeuge im Prozess gegen Wolf – die Waffen an jenem Abend mitgebracht. »Er hat mitbekommen, dass ich jede Menge Deko-Waffen habe«, so Wolf. Weil sein Bekannter Geld für Kokain gebraucht habe, habe er ihm die Waffen angeboten.

Zusammen mit zwei Freunden hätten sie dann die Waffen ausprobiert, er selbst habe aber nur mit zwei Pistolen geschossen. Anschließend seien die Waffen wieder mitgenommen worden, nachdem er kein Interesse daran gehabt habe, so Wolf.

Auch im Zusammenhang mit einem anderen Vorfall wies der Gettenauer den Besitz einer Waffe von sich. Von ihm existiert ein Handyvideo, in dem er in Anwesenheit einiger Freunde mit einer Schrotflinte auf einen alten VW Golf schießt. »Wir haben in der Clique darüber gesprochen, was wir mit dem Auto machen. Ob wir es abfackeln oder so«. Dann sei man auf die Idee gekommen, die Karre zu »zerballern«. Ein Freund habe sich von einem Verwandten eine Schrotflinte und zwei Schuss Munition geliehen. Wolf räumt ein, dass er die Waffe auf das Auto richtete, erklärte aber: »Ich habe nie eine Schrotflinte besessen«.Neben Wolfs Aussage in Bezug auf die Verstöße gegen das Waffengesetz stand die Aussage des Hauptbelastungszeugen im Mittelpunkt des Verhandlungstages. Nachdem der 26-Jährige seine Ladung in den Zeugenstand zuerst wegen eines Zusammenbruchs, dann wegen einer Autopanne nicht hatte wahrnehmen können, saß er am Dienstag endlich doch vor dem Vorsitzenden Richter Dietwin Johannes Steinbach. Er berichtete, dass ihm damals im April und Mai 2011 eine Haftstrafe gedroht habe, weil er eine Geldstrafe nicht habe bezahlen können.

Nach seiner Festnahme bot er den Polizisten einen Deal an, der grob gesagt lautete: Freiheit gegen Wolf. »Es ging um eine MP5, die er mir angeboten hatte«, so der Forstwirt. Er erzählte den Beamten, dass er die vollautomatische Waffe von Wolf noch am selben Abend kaufen könne. Doch der Deal kam nicht zustande, entweder konnte oder wollte Wolf nicht liefern. Dasselbe Spiel wiederholte sich wenige Wochen später beim Versuch, mehrere Tausend Ecstasy-Pillen von Wolf zu kaufen. Der Forstwirt führte einen Undercover-Polizisten zum »Schlitzer«, doch wieder kam kein Handel zustande, bei dessen Abwicklung man den mutmaßlichen Drogen- und Waffenhändler hätte schnappen können. Trotz der Fehlschläge: Ins Gefängnis musste der Mann am Ende nicht, stattdessen stottert er seine Strafe in Raten ab.

Wolf und sein Verteidiger bemühten sich indes die Glaubwürdigkeit des Forstwirts in Zweifel zu ziehen. »Sie haben doch alles versucht, um mir etwas anzuhängen«, warf Wolf dem 26-jährigen Zeugen vor. Der beteuerte aber den Wahrheitsgehalt seiner Aussage und konterte Wolfs verbale Attacken trocken: »Ich bin nicht mit vier Kilo Amphetamin geschnappt worden«.

 

© Wetterauer Zeitung 19.09.2012

 

Wetterauer Zeitung – Prozess gegen Patrick Wolf: Waffennarr ohne Waffen?

Das Waffenarsenal, das der Beschuldigte Patrick Wolf besessen haben soll, liest sich beeindruckend: eine Schrotflinte, ein Vorderschaftrepetiergewehr, besser bekannt als »Pump Gun«, einen Revolver Kaliber .44 Magnum, eine Pistole, eine Maschinenpistole und einen Schießkugelschreiber soll der 26-Jährige laut Anklageschrift besessen haben.

Es sind insgesamt vier Fälle, in denen die Anklage dem Echzeller Patrick Wolf, auch bekannt als »Schlitzer«, Verstöße gegen das Waffengesetz und das Kriegswaffenkontrollgesetz vorwirft. Doch die Staatsanwaltschaft hat ein Problem: Die besagten Waffen sind nicht aufzufinden.

Dem der rechten Szene zugeordneten Patrick Wolf wird seit vier Verhandlungstagen am Landgericht Gießen der Prozess gemacht. Es geht unter anderem um Drogendelikte, Körperverletzung, Volksverhetzung und um Verstöße gegen das Waffengesetz. Nachdem bislang hauptsächlich Wolfs mutmaßliche Drogengeschäfte im Mittelpunkt standen, wandte sich die siebte Strafkammer nun dem Komplex »Waffen« zu.

Seit April 2010 ermittelt die Polizei in dieser Hinsicht gegen den Angeklagten, nachdem dessen Nachbarn ihn auf dem Gelände seiner Hofreite in Gettenau mit einem Gewehr gesehen haben wollen, sagte ein Kriminalbeamter. Zu bestätigen schien sich dieser Verdacht, nachdem ein Freund von Wolf der Polizei ein Handyvideo übergab, auf dem Wolf mit einer Schrotflinte schießen soll. Der 25-jährige Rettungsassistent war bei der Polizei zu einer Anhörung wegen Körperverletzung vorgeladen, in deren Verlauf er »aus heiterem Himmel«, so der zuständige Beamte«, das Video anbot. Vermutlich erhoffte er sich Vorteile im Strafverfahren gegen ihn, sagte der Vorsitzende Richter Dr. Dietwin Johannes Steinbach. Auf den verwackelten Aufnahmen soll ein Schuss aus einer Schrotflinte auf einen alten, abgemeldeten Golf 3 zu sehen sein, der Schütze jedoch sei beim Abdrücken nicht im Bild, erklärte der Kriminalbeamte, der das Video erhalten hatte. Auf den Bildern ist allerdings später der Angeklagte beim Tragen der Waffe zu sehen.

Das genügte der Staatsanwaltschaft für eine Hausdurchsuchung bei Wolf. Am 11. April 2011 durchstöberten Beamte die Hofreite nach »Waffen und Sprengstoff«, wie ein Polizist aussagte. Bald lagen mehrere Gewehre und Pistolen vor den Gutachtern des Landeskriminalamts. Jedoch: Es handelte sich um Schreckschusswaffen und unbrauchbar gemachte Gewehre, die ein Dasein als Wanddekoration fristeten. Ins Fäustchen lachen konnte Wolf sich dennoch nicht. Zwar fanden die Beamten keine scharfen Waffen, dafür jedoch zwei Kisten Gewehrmunition und Schrotpatronen sowie den Lauf und die Verschlusskappe eines Maschinengewehrs. Laut Staatsanwaltschaft kann man letzteres mit entsprechenden Kenntnissen wieder in einen gebrauchsfertigen Zustand bringen, Wolf bestreitet das: »Ich bin kein Büchsenmacher.« Das Gericht wird einen Gutachter zu Rate ziehen. Wolf bestreitet zudem, dass die gefundene Munition ihm gehört.

Die Durchsuchung brachte noch weitere Funde: So erklärte ein Polizeibeamter vor Gericht, er habe im Schlafzimmer Folienvorlagen mit rechtsradikalen Aufschriften für T-Shirt-Aufdrucke gefunden, darunter ein Motiv mit dem – verbotenen – Wahlspruch der SS »Meine Ehre heißt Treue«.

Wolfs Freunde stellten sich im Zeugenstand des Gerichts zwar oft als überaus vergesslich dar, was vielleicht auch an der nicht geringen Anhängerschaft Wolfs im Saalpublikum lag; in den verlesenen Polizeiprotokollen hatten sie jedoch weniger Zurückhaltung gezeigt. Denn: Das mutmaßliche Waffenarsenal des Angeklagten rekonstruierte die Staatsanwaltschaft, außer durch das Handyvideo, allein durch Aussagen von Wolfs Freunden. Sie beschrieben, wie der 26-Jährige ihnen Revolver, Schießkugelschreiber und Maschinenpistole vorgeführt habe. Wolf hatte demnach einen eigens dafür eingerichteten »Schussraum«, dessen Wand mit Einschusslöchern übersät war. Als es ihm »zu heiß« wurde, nachdem die Polizei ihn immer stärker ins Visier nahm, soll Wolf seine Tasche mit den Waffen einem Freund anvertraut haben, erklärte der Macher des Handyvideos. Doch auch im Haus des mutmaßlichen Empfängers wurde die Polizei nicht fündig: Die angeblich vorhandenen Waffen bleiben verschwunden.

© Wetterauer Zeitung 12.09.2012

 

Wetterauer Zeitung – Prozess gegen Wolf: Polizist mit Deckname »Kai« sagt aus

»Wenn er eine Bühne findet, dann nutzt er sie auch« – so schätzte ein Kriminaloberkommissar den vor Gericht stehenden Patrick Wolf ein. Und konnte kurz darauf erleben, wie richtig er damit lag: Der »Schlitzer« legte sich vor seiner 15-köpfigen Anhängerschaft im Publikum mächtig ins Zeug, befragte den Beamten persönlich, warf ihm und seinen Kollegen unsaubere Ermittlungen und Leichtgläubigkeit gegenüber denjenigen vor, die ihn in seinen Augen angeschwärzt hatten.

Am Dienstag war der dritte Verhandlungstag gegen den Rechtsextremen Patrick Wolf. Die Staatsanwaltschaft legt dem 26-Jährigen unter anderem zahlreiche Drogendelikte zur Last, aber auch Verstöße gegen das Waffengesetz, Körperverletzung und Volksverhetzung.

Wolf gefiel sich und seinem Publikum sichtlich in der Rolle des redegewandten Verteidigers. Unterdrücktes Kichern, zustimmendes Gemurmel und unterstützendes Kopfnicken raunten durch den selten so gut gefüllten Zuschauerraum am Landgericht Gießen, als Wolf wieder einmal einen Kripo-Beamten mit seinen Fragen und Feststellungen in die Sprachlosigkeit drängte. Lächelnd suchte Wolf dann den Blick seiner Anhänger und lehnte sich zurück, wenn ein gegen ihn ermittelnder Beamter einräumen musste, dass er dieses oder jenes nicht mehr so genau wisse.

Am dritten Prozesstag befasste sich die siebte Strafkammer unter dem Vorsitz von Richter Dietwin Johannes Steinbach erneut mit Wolfs mutmaßlicher Karriere als Drogenhändler. Der »Schlitzer« hatte bereits am ersten Verhandlungstag einige kleinere Geschäfte eingeräumt, die Verantwortung für die großen Deals aber von sich gewiesen.

Wolf war am 6. Juli 2011 in seiner Hofreite in Echzell festgenommen worden; in seinem Rucksack fanden die Beamten 4,5 Kilogramm Amphetamin und mehr als ein halbes Kilo Marihuana. Die Drogen soll er zuvor zusammen mit einem Bekannten im niederländischen Maastricht erworben haben. Wolf erklärte, er habe die Drogen nur transportiert. Sie seien für seinen Begleiter, einen 23-jährigen Fliesenleger aus Weilmünster, bestimmt gewesen, der regen Handel mit den verbotenen Substanzen betreibe. Persönlich danach fragen konnten die Richter den Handwerker nicht: Er verweigerte die Aussage, um sich nicht selbst zu belasten. Dem Polizeiprotokoll zufolge hatte der Mann aber Patrick Wolf als Initiator der Drogenbeschaffungstour bezichtigt.

Mit großem Interesse verfolgte das Gericht auch die Aussagen von »Kai«. Unter diesem Decknamen hatte ein Kriminalbeamter im Mai 2011 versucht, bei Wolf Ecstasy-Pillen zu kaufen, »bis zu 10 000« seien ihm dabei angeboten worden. Doch der Deal kam nicht zustande. »Ihm wurde das zu heiß. Er sah in jedem zweiten Auto ein Polizeifahrzeug«, erklärte der Beamte den gescheiterten Versuch des Drogengeschäfts. Nicht einmal ein kleiner Deal über 100 Pillen sei zustande gekommen. Als Wolf nach mehreren neuen Anläufen misstrauisch wurde und den Mann nach seinem Ausweis und Details aus seinem Leben fragte, wurde die Aktion abgebrochen. Die Frage, ob Wolf tatsächlich hätte liefern können, oder ob er sich mit seinem Angebot nur aufspielen wollte, konnte der Beamte nicht beantworten.

Neben mehreren Polizei- und Kriminalbeamten wurde auch der mutmaßliche erste Lieferant Wolfs befragt. Der gelernte Schornsteinfeger hatte den »Schlitzer« laut Anklage bis Ende 2010 mit Amphetamin beliefert. Das gab der Mann auch unumwunden zu, allerdings habe es sich dabei nur um geringe Mengen gehandelt. »Das waren kleine banale Geschichten für mich«, so der 25-Jährige, dem dafür bereits der Prozess gemacht wurde. »Nur« wenige Hundert Gramm seien es im Verlauf mehrerer Monate gewesen. »Ich bin für die paar Gramm, die ich dem Herrn Wolf freundschaftlich weitergereicht habe, ausreichend bestraft.« Seiner Meinung nach ist Wolf das Opfer eines »Rachefeldzugs«.

Am Ende des Verhandlungstages trafen sich die Prozessbeteiligten zu einem Rechtsgespräch, »um Zwischenbilanz zu ziehen«, wie Richter Steinbach erklärte. Am Mittwoch wird sich das Gericht möglicherweise bereits mit dem nächsten Komplex an Vorwürfen beschäftigen, der sich um verbotenen Waffenbesitz und Waffenhandel dreht.

© Wetterauer Zeitung 12.09.2012

 

Frankfurter Rundschau – Waffenreplika als Deko

Der Prozess gegen den Rechtsextremen Patrick W., genannt „Schlitzer“, nimmt immer absurdere Formen an. Am vierten Tag waren Waffen und Munition, die die Polizei bei ihm zuhauf gefunden hat, Thema vor Gericht.

Manche stellen sich Blümchen oder Figürchen hin, um es heimelig zu haben. Andere verteilen Waffenreplika und Munition in ihrer Wohnung. Patrick W. zum Beispiel hat derlei Rüstzeug „als Deko rumstehen gehabt“, wie er am vierten Tag seines Prozesses am Gießener Landgericht einräumt. Am Mittwochmorgen hat er eingangs die Gelegenheit, sich zu den Verstößen gegen das Waffen- und Kriegswaffenkontrollgesetz zu äußern, die ihm angelastet werden. Zu den meisten Vorwürfen will er sich jedoch erst einlassen, wenn alle Zeugen in der Sache ausgesagt haben, weil „das dumme Geschwätz“, das am nächsten Tag in der Zeitung stehe, diese ansonsten beeinflussen könnte. Am Vortag hatte W. bereits gefordert, die Öffentlichkeit während seiner Stellungnahme auszuschließen, was das Gericht ablehnte.

Vor nicht allzu langer Zeit noch war der 26-jährige Neonazi, der als Kopf der rechten Truppe „Old Brothers gilt und seit März in Haft ist, weniger medienscheu. Er gab Interviews und ließ sich für einen Fernsehbeitrag in einem T-Shirt mit dem Aufdruck „Arier“ filmen. Einer Journalistin, die für die FR recherchierte, gewährte er 2010 sogar Zutritt zu einer seiner Partys, bei denen in einem Raum mit der Aufschrift „Brausebad“ Kunstnebel aus Duschköpfen an der Decke waberte.

Pistole, Revolver, Schrotflinte…

Die „Gaskammer-Partys“ sind Inhalt einer der sieben Anklagen, die für den auf zehn Sitzungstage anberaumten Prozess zusammengefasst wurden. Am vierten Tag geht es allerdings um die diversen Waffen, die W. unerlaubt besessen haben soll, darunter ein Maschinengewehr, eine Pistole, einen Revolver, eine doppelläufige Schrotflinte, eine Pumpgun und einen Schießkugelschreiber. Und er soll damit auch geschossen haben, vorzugsweise in einem eigens dafür reservierten „Schießzimmer“. „Andere Leute richten sich ein Bibliothekszimmer ein“, flüstert jemand im Zuschauerraum.

Wiederholt weist der Angeklagte darauf hin, dass die Polizei nie funktionsfähige Waffen bei ihm gefunden habe. Tatsächlich wurden bei Hausdurchsuchungen lediglich Modell- und Schreckschusswaffen sowie untauglich gemachte Waffen sichergestellt, allerdings auch der Lauf eines Maschinengewehrs sowie Patronen verschiedenen Kalibers, die laut Staatsanwältin Carina Häublein teils zu den Schießgeräten passen würden, die in W.s Besitz gewesen sein sollen. Die Beamten stießen auch auf den „Schießraum“ und dort ebenfalls auf Patronen und Patronenhülsen, von denen ein paar noch in der mit zahlreichen Schusslöchern übersäten Wand steckten.

„Liegt da immer mal rum“

Immerhin die Munitionsfunde kommentiert der 26-Jährige, der sich seit einer Messerattacke auf einen Migranten „Schlitzer“ nennen lässt, in seiner Einlassung: Die Kiste mit hunderten Patronen, die in einem Bierwagen auf seinem Grundstück entdeckt wurden („Bei der letzten Party muss die da jemand abgestellt haben.“), die Patrone im Nachtschrank („Eine Patrone liegt immer mal irgendwo rum.“), die Schrotpatrone unter der Sitzbank im Partyraum („Wie die da hinkommt, weiß ich nicht“), die Munition unter der Küchenplatte („Die habe ich da hingelegt, damit die Polizei auch mal ein Erfolgserlebnis hat.“). Weiteres soll erst nach Anhörung aller Zeugen in diesem Anklagekomplex, den Verstößen gegen das Waffen- und Kriegswaffenkontrollgesetz, folgen.

Der erste Zeuge dieses Verhandlungstages schildert dann, wie des „Schlitzers“ Waffenarsenal ausgesehen und was er damit so angestellt haben soll. Er berichtet – teils erst auf intensives Nachfragen von Richter Dietwin Johannes Steinbach – von der Pumpgun, der doppelläufigen Schrotflinte, der Pistole, dem Revolver, dem Maschinengewehr und dem Schießkugelschreiber. W. habe die Waffen ihm und einigen „Old Brothers“ auch präsentiert und damit geschossen: Auf einen alten VW-Golf in der Werkstattscheune, im Partyraum ins Holz und im Schießzimmer in die Wand. Der zweite Zeuge bestätigt derlei Übungen ebenfalls, wenn auch weit widerwilliger. Auch vor ihm und einem weiteren Freund („Der hat mehr Angst als Vaterlandsliebe gehabt.“) habe W. im Schießraum mit dem MG eine „Salve“ über die Wand gefeuert. Allerdings habe das erst beim zweiten Versuch geklappt, weil die Waffe, bei der es sich um ein altes russisches oder englisches Modell gehandelt haben könnte, beim ersten Versuch „Ladehemmungen“ gehabt habe, so der Zeuge. „Und wegen so nem Scheiß haben wir den Krieg verloren.“ Noch des Öfteren lassen Zeugen Rückschlüsse auf ihre Gesinnung zu.

„Old Brothers“ fühlen sich bedrängt

Woher der Angeklagte das Maschinengewehr gehabt habe, will der Richter wissen. „Vom Zoll“, antwortet der erste Zeuge, das jedenfalls habe W. erzählt. Steinbach möchte sich der Vorstellung verwehren, „dass der Zoll Waffen verscherbelt“. Das sei ja ungefähr so, „als würden Polizisten in der Asservatenkammer Joints rauchen“.

Einige Zeugen, speziell die „Old Brothers“ unter ihnen, unterstellen der Polizei indes ganz anderes: Sie behaupten, dass die Beamten sie beim Verhör „unter Druck gesetzt“ hätten, damit sie ihren Kumpel Patrick belasten. Vieles hätten sie nur erzählt, weil ihnen in Aussicht gestellt worden sei, dass gegen sie laufende Verfahren – beispielsweise wegen Körperverletzung, Drogenbesitz oder Diebstahl – dann glimpflicher für sie ausgingen.

Ein Aussageverweigerungsrecht greift jedoch für die am Dienstag geladenen Zeugen nur partiell, wenn überhaupt. Und so wollen sich die „Old Brothers“ im Zeugenstand einfach nicht mehr an die Dinge erinnern, die sie bei der Polizei noch angegeben haben. „Wissen Sie, das wird aufgeschrieben“, weist Steinbach sie auf das Vernehmungsprotokoll hin, aus dem immer wieder zitiert werden muss. Manchmal hilft auch das dem Erinnerungsvermögen nicht auf die Sprünge („Das weiß ich nicht mehr, das ist ja schon fast zwei Jahre her.“), manches wird bestritten („Das habe ich so nie gesagt.“ Steinbach: „Aha, dann lügt die Polizei also?“), manches wird als erfunden dargestellt („Ja, da habe ich gelogen.“).

Totalverweigerer im Zeugenstand

Und am liebsten würden viele Zeugen sowieso die Aussage vor Gericht ganz verweigern, wo im Zuschauerraum wieder ein gutes Dutzend Anhänger des „Schlitzers“ sitzt. Alles in allem bestätigen die Zeugen aber, dass W. unerlaubt Waffen, etwa das Maschinengewehr oder den Schießkugelschreiber, besessen habe. Teils räumen sie ein, diese mit eigenen Augen gesehen zu haben, teils hätten W. oder Dritte ihnen davon erzählt.

Auch einige Polizisten, die mit den Ermittlungen und der Vernehmung im Fall Patrick W. betraut waren, sagen am vierten Prozesstag aus. Es geht noch einmal kurz um die Nacht, in der bei W. nach einer Drogenfahrt nach Holland ein Rucksack mit 4,5 Kilo Amphetamin und 600 Gramm Haschisch gefunden wurde, es geht um verschiedene Durchsuchungen, bei denen in verschiedenen Räumen in W.s Hofreite die Deko-Waffen und die Munition gefunden wurden. Auch Folien für T-Shirt-Drucke mit Hakenkreuzen, SS-Runen und -Losungen stellten die Beamten dabei sicher. Der Sachverständige will wissen, welchen Eindruck das Haus in Sachen Sauberkeit und Ordnung auf die Beamten gemacht habe: „Eigentlich normal – abgesehen vom Hakenkreuz auf den Fliesen im Badezimmer.“

Am Dienstag, 18. September, wird der Prozess fortgesetzt.

 

© Frankfurter Rundschau 12.09.2012