»Wenn er eine Bühne findet, dann nutzt er sie auch« – so schätzte ein Kriminaloberkommissar den vor Gericht stehenden Patrick Wolf ein. Und konnte kurz darauf erleben, wie richtig er damit lag: Der »Schlitzer« legte sich vor seiner 15-köpfigen Anhängerschaft im Publikum mächtig ins Zeug, befragte den Beamten persönlich, warf ihm und seinen Kollegen unsaubere Ermittlungen und Leichtgläubigkeit gegenüber denjenigen vor, die ihn in seinen Augen angeschwärzt hatten.
Am Dienstag war der dritte Verhandlungstag gegen den Rechtsextremen Patrick Wolf. Die Staatsanwaltschaft legt dem 26-Jährigen unter anderem zahlreiche Drogendelikte zur Last, aber auch Verstöße gegen das Waffengesetz, Körperverletzung und Volksverhetzung.
Wolf gefiel sich und seinem Publikum sichtlich in der Rolle des redegewandten Verteidigers. Unterdrücktes Kichern, zustimmendes Gemurmel und unterstützendes Kopfnicken raunten durch den selten so gut gefüllten Zuschauerraum am Landgericht Gießen, als Wolf wieder einmal einen Kripo-Beamten mit seinen Fragen und Feststellungen in die Sprachlosigkeit drängte. Lächelnd suchte Wolf dann den Blick seiner Anhänger und lehnte sich zurück, wenn ein gegen ihn ermittelnder Beamter einräumen musste, dass er dieses oder jenes nicht mehr so genau wisse.
Am dritten Prozesstag befasste sich die siebte Strafkammer unter dem Vorsitz von Richter Dietwin Johannes Steinbach erneut mit Wolfs mutmaßlicher Karriere als Drogenhändler. Der »Schlitzer« hatte bereits am ersten Verhandlungstag einige kleinere Geschäfte eingeräumt, die Verantwortung für die großen Deals aber von sich gewiesen.
Wolf war am 6. Juli 2011 in seiner Hofreite in Echzell festgenommen worden; in seinem Rucksack fanden die Beamten 4,5 Kilogramm Amphetamin und mehr als ein halbes Kilo Marihuana. Die Drogen soll er zuvor zusammen mit einem Bekannten im niederländischen Maastricht erworben haben. Wolf erklärte, er habe die Drogen nur transportiert. Sie seien für seinen Begleiter, einen 23-jährigen Fliesenleger aus Weilmünster, bestimmt gewesen, der regen Handel mit den verbotenen Substanzen betreibe. Persönlich danach fragen konnten die Richter den Handwerker nicht: Er verweigerte die Aussage, um sich nicht selbst zu belasten. Dem Polizeiprotokoll zufolge hatte der Mann aber Patrick Wolf als Initiator der Drogenbeschaffungstour bezichtigt.
Mit großem Interesse verfolgte das Gericht auch die Aussagen von »Kai«. Unter diesem Decknamen hatte ein Kriminalbeamter im Mai 2011 versucht, bei Wolf Ecstasy-Pillen zu kaufen, »bis zu 10 000« seien ihm dabei angeboten worden. Doch der Deal kam nicht zustande. »Ihm wurde das zu heiß. Er sah in jedem zweiten Auto ein Polizeifahrzeug«, erklärte der Beamte den gescheiterten Versuch des Drogengeschäfts. Nicht einmal ein kleiner Deal über 100 Pillen sei zustande gekommen. Als Wolf nach mehreren neuen Anläufen misstrauisch wurde und den Mann nach seinem Ausweis und Details aus seinem Leben fragte, wurde die Aktion abgebrochen. Die Frage, ob Wolf tatsächlich hätte liefern können, oder ob er sich mit seinem Angebot nur aufspielen wollte, konnte der Beamte nicht beantworten.
Neben mehreren Polizei- und Kriminalbeamten wurde auch der mutmaßliche erste Lieferant Wolfs befragt. Der gelernte Schornsteinfeger hatte den »Schlitzer« laut Anklage bis Ende 2010 mit Amphetamin beliefert. Das gab der Mann auch unumwunden zu, allerdings habe es sich dabei nur um geringe Mengen gehandelt. »Das waren kleine banale Geschichten für mich«, so der 25-Jährige, dem dafür bereits der Prozess gemacht wurde. »Nur« wenige Hundert Gramm seien es im Verlauf mehrerer Monate gewesen. »Ich bin für die paar Gramm, die ich dem Herrn Wolf freundschaftlich weitergereicht habe, ausreichend bestraft.« Seiner Meinung nach ist Wolf das Opfer eines »Rachefeldzugs«.
Am Ende des Verhandlungstages trafen sich die Prozessbeteiligten zu einem Rechtsgespräch, »um Zwischenbilanz zu ziehen«, wie Richter Steinbach erklärte. Am Mittwoch wird sich das Gericht möglicherweise bereits mit dem nächsten Komplex an Vorwürfen beschäftigen, der sich um verbotenen Waffenbesitz und Waffenhandel dreht.
© Wetterauer Zeitung 12.09.2012
- Frankfurter Rundschau – Waffenreplika als Deko
- Frankfurter Neue Presse – Für den „Schlitzer“ wird‘s ernst
- Wetterauer Zeitung – Zeuge: Amphetamin wie Erdnüsse serviert
- Wetterauer Zeitung – »Schlitzer« gibt Drogengeschäfte teilweise zu
- Kreis Anzeiger – Gleich sieben Anklagen in einem Verfahren
- Kreis Anzeiger – „Gaskammer-Party“, Drogen und etliche Waffendelikte
- Wetterauer Zeitung – Prozess gegen den »Schlitzer« beginnt
- Frankfurter Rundschau – Weg mit den Nazi-Tattoos
- Frankfurter Rundschau – Hakenkreuze und MG
- Wetterauer Zeitung – Maschinengewehr beim »Schlitzer« entdeckt
- Wetterauer Zeitung – »Schlitzer« Patrick Wolf wird in Kürze vor Gericht gestellt
- Frankfurter Neue Presse – Als der „Schlitzer“ ins „Brausebad“ einlud
- Wetterauer Zeitung – »Schlitzer« Patrick Wolf ist seit Montag wieder in Haft
- Wetterauer Zeitung – Bombendrohung gegen Antifa-BI-Vorsitzenden
- Wetterauer Zeitung – Mit dem »Schlitzer« 5 Kilo Drogen gekauft
- Wetterauer Zeitung – Verdacht auf Drogenhandel
- Bild – Hessens Obernazi in Haft
- Frankfurter Rundschau – Neonazi in Haft
- HR Online – Neonazi wegen Drogen verhaftet
- Wetterauer Zeitung – Verdacht auf Drogendeal: »Schlitzer« verhaftet
- Wetterauer Zeitung – Ermittlungen wegen »Gaskammerpartys«
- Frankfurter Rundschau – Vergasung als Partygag
- Wetterauer Zeitung – Thema Wiesengasse »Wieso greifen die Behörden nicht ein?«
- Wetterauer Zeitung – 58-Jähriger von Rechtsetxremen angegriffen