Andreas Balser kämpft für eine multikulturelle Wetterau – und muss dafür Bedrohungen verkraften
Von Thomas Kopp
Andreas Balser aus Friedberg sind politisch Rechte seit vielen Jahren ein Dorn im Auge: Er setzt auf Bildung und sucht das Gespräch, um vor allem junge Leute von rechten Rattenfängern wegzubringen. Für sein Engagement wird er des öfteren beleidigt, er erhält Drohungen auf der Straße. „Das ist normal“, sagt er. Doch nicht normal ist der jüngste Auswuchs. Im Nachgang zu einem bildunspolitischen Auftritt in Bad Nauheim erhielt er eine Bombendrohung über Facebook (vergleiche auch unten stehenden Bericht „Die Furcht vor Trittbrettfahrern“).
Die Bedrohung wurde von einem Protagonisten der rechten Szene, Patrick W. aus Echzell, ins Netz gestellt – oder zumindest über sein Profil. Der Mann, der sich selbst „Schlitzer“ nennt (vergleiche Bericht „Als der ,Schlitzer‘ ins ,Brausebad‘ einlud“), betreibt ein Tätowierstudio, vertreibt dort auch T-Shirts rechter Herkunft und gibt Partys. Seine Anwesenheit in Echzell hat zur Gründung der Initiative „Grätsche gegen Rechtsaußen“ geführt.
An Sekte erinnert
„Ich war geschockt, als ich einen Anruf von Schülern erhielt, die mich auf den Eintrag bei Facebook aufmerksam gemacht haben“, schildert Andreas Balser. Und er hat sofort bei der Polizei angerufen und Anzeige erstattet. Drohungen, Pöbeleien, E-Mails und Anrufe sei er gewöhnt, „aber das war heftig.“
Auslöser war ein Seminar über Rechtsextremismus, das Balser in der Berufsschule Wetterau in Bad Nauheim abhielt. Dort geht Balser auf Erkennungszeichen ein, auf die Demagogie der rechten Anführer, auf Partys und Musik. Damit sollen vor allem junge Leute in den rechten Nachwuchs integriert werden. „Viele Schüler aus der mittleren Wetterau waren anwesend, zwischen 18 und 20 Jahre“, sagt Balser. Und einer hat das Seminar fotografiert und auf Facebook gepostet. Das führte zur Aussage über Patrick W.s Profil mit einer unterschwelligen Aufforderung zum Terror und zur Autobombe gegen Balser.
Balser war überrascht, als er auf Patrick W. in seinem Seminar einging. Einige hätten die Aussagen Balsers in Abrede gestellt. Sie seien schon lange mit W. befreundet, in den Medien würden seine Veranstaltungen und seine Gruppe „Old Brothers“ völlig übertrieben dargestellt. Noch mehr in Front gingen die Schüler, als Balser seine Powerpoint-Präsentation startete und verdeutlichte, was W. auf dem Kerbholz hat. „Ich kam mir plötzlich vor, als hätte ich Kritik am nordkoreanischen Führer geäußert. Die ganze Argumentation hatte etwas sektenmäßiges“, schildert Balser.
Die rechte Szene von heute sei nicht mehr eindeutig zu identifzieren. So komme W. etwa aus der Technoszene, habe auch mit Drogen zu tun, normalerweise in der rechten Szene verpöhnt. In den ländlichen Regionen der Wetterau gebe es für die Jugend nur wenig zu tun. Da komme es gerade recht, wenn ein Mensch Partys veranstalte und auch die Illusion einer Gruppenzugehörigkeit verbreite. Bis zu 150 junge Leute kämen zu den regelmäßigen Partys.
450 seien es sogar kürzlich auf einem rechten Konzert in Waldsolms-Brandoberndorf gewesen, und das ganz ohne Werbung. „Da werden E-Mails an Verteiler geschickt, die scharen dann ihren Kreis um sich. Und ganz schnell kommt eine riesige Gruppe zusammen“, sagt Balser.
Fünf Jahre Versenkung
Die Old Brothers seien vor allem in Echzell, Florstadt, Reichelsheim und Wölfersheim aktiv, einige auch im Main-Kinzig-Kreis. „Es ist eine Sauf- und Feierkameradschaft“, sagt Balser. Das unterscheide die Old Brothers von früheren Bestrebungen, die Wetterau von rechts zu indoktrinieren. So sei der frühere NPD-Landesvorsitzende Marcel Wöll eher ein Traditionalist gewesen. Bei Nazi-Treffen in seinem Hofgut in Butzbach-Hoch-Weisel habe es zum politischen Teil erst Orangensaft gegeben, „das Bier wurde erst später rausgeholt.“ Wöll wollte wohl „aufrechte Kameraden“ mit gefestigter rechtspolitischer Weltanschauung um sich haben, bei Patrick W. geht es wohl mehr um soziale Kontrolle und enge Kontakte.
Sind die jungen Leute einmal in der Szene, ist es schwer, ihre Euphorie wieder zu bremsen. „In der Vergangenheit ist es uns aber ganz gut gelungen, immer wieder einmal Menschen aus der rechten Szene herauszuholen“, sagt Balser. Einige wählten auch von sich aus den Ausstieg, weil sie vom bürgerlichen Leben mit Frau, Kind und Haus eingeholt würden. „Doch bei manchen bleibt die Einstellung, und nach fünf Jahren in der Versenkung sieht man sie plötzlich wieder in vorderster Reihe bei einer rechten Demonstration mitlaufen.“
Balser ist nicht der einzige, der regelmäßig Bedrohungen empfängt, auch andere Aktive der Antifabi seien betroffen. Viele Bedrohungen werden gar nicht erfasst, weil sie spontan auf der Straße ausgesprochen werden. Doch ernstzunehmen sind alle.
© Frankfurter Neue Presse 20.03.2012